Erika Horn – Gerontologin der ersten Stunde








Erika Horn eine wichtige Persönlichkeit in der Altenbildungslandschaft und Österreichs Gerontologin der ersten Stunde feiert in diesem Sommer ihren 90. Geburtstag – und sie ist noch immer aktiv.

Sie gilt als eine Erwachsenenbildnerin, die MultiplikatorInnen aus vielen Bereichen der Altenarbeiter weiterbildet beziehungsweise weitergebildet hat und als eine, die mit älteren Menschen selbst in Seminaren über deren Freuden und Probleme diskutiert und reflektiert.

Ihre jahrzehntelange Praxis ergänzt ihre Ausbildungen – dem Philosophischen Doktorat und der Ausbildung zur Leben- und Eheberaterin. Und in den späten 1960er Jahren wurde sie zur Gerontologin.

Biografie

Geboren 1918 in Klagenfurt – als Wunschkind ihrer Eltern Martha und Albin Hinterlechner verbringt sie ihre Kindheit in Spittal an der Drau. Die Landschaft um Spittal findet das Kind wunderschön und beängstigend gleichzeitig. Wenn das Goldeck zum Bahnhof herunterschaut – dort wohnt die Familie –, überlegt sich das Kind, wie seltsam es ist, dass ein bedrohlicher Berg so einen schönen Namen trägt.

Als die Familie in den 30er Jahren von Kärnten in die Steiermark siedelt beginnt Erika eine LehrerInnenausbildung. Die AbsolventInnen werden mit einer 10 Jahres Berufssperre belegt, viele von ihnen werden zu Gouvernanten, Erika darf in Graz ein Studium beginnen.

Irrwege und tiefe Erschütterungen durchlebt Erika im Nationalsozialismus. Sie ist aktiv im Bund Deutscher Mädchen tätig. Ihre Rolle als Mutter „verhindert“ eine weitere Karriere in dem Bereich. Dennoch, nie wird die Schuld und Traurigkeit ein Ende nehmen. Doch die evangelische Kirche und auch die Verbindung zu den Quäkern helfen ihr wieder zu ihrer eigenen Religiosität zurück zu finden. Sie besucht einerseits private Gesprächskreise bei ihrer Quäkerfreundin Mutter Schwarz und andererseits das Privatissimum bei Professor Ferdinand Weinhandel und seiner Frau der Dichterin Margarete Weinhandel.

Die Großfamilie lebt zusammen in Graz, Erikas Vater stirbt früh. Diese Sterbeerfahrung wird prägend für Erikas Einstellungen. Die Kinder kommen mit relativ großen Abständen, die depressive Mutter und deren hypochondrischen Züge dominieren Erikas Alltag. Das Leben nimmt durch den Tod ihrer Mutter 1967 und die bald darauf folgenden Eheprobleme mit ihrem Mann in den 70er Jahren noch eine wesentliche Entwicklung. Schon in den 60er Jahren hat sie „sporadisch“ in der Erwachsenenbildung gelehrt – als Weitergeben bezeichnet sie das Lehren. Neue Bereiche, wie die Gerontologie haben sich „unerwartet erschlossen“. Die Krisen lassen sie umdenken und die glücklichen Begegnungen sind „Gnade und Fügung“ (Horn 2008).

Arbeit und Leistung

Der Verlag Styria tritt schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg an sie heran. 1949 erscheint ein Modernes Legendenbuch: „Es gibt noch Wunder“. Danach folgt 1964 ein Buch über das Altern. „Du sollst ein Segen sein“. Kein Trostbuch soll es sein. Aus Herausgeberin verbindet Erika wissenschaftliche Informationen über das Altern vor allem aus dem geriatrischen Bereich mit besinnlichen Gedichten und Geschichten.

Die Gerontologie hat eine Heimat gefunden - zumindest in Erikas Leidenschaft für sie. Seit 1972 arbeitet sie im pädagogischen Bereich des Bildungshauses Mariatrost mit. 25 Jahre war sie im Leitungsteam tätig. Die von ihr mitbegründeten christlich-jüdischen Bildungswochen leisten einen wichtigen Beitrag zur steirischen ökumenischen Klima. Dort arbeitet sie mit dem Volksbildungsreferenten Professor Franz Maria Kapfhammer und Josef Scheiber, dem Gründer der Bildungshauses Mariatrost. Sie lernt noch den Gründer des Volksbildungshauses Sankt Martin, Josef Steinberger kennen.

Als Ehrenamtliche Erwachsenenbildnerin, baut sie sich einen Wirkungsbereich auf der vom steirischen Volksbildungswerk, dem katholischen Bildungswerk, der katholischen Frauenbewegung, dem Steiermärkischen Rundfunk und sogar bis zur Bundesanstalt für Erwachsenenbildung in Strobl am Wolfgangsee reicht.

Immer wieder entstehen aus diesen Arbeitsbeziehungen sehr persönliche Freundschaften, die sie bis heute pflegt. Sehr stolz erzählt sie immer von den Freundschaften mit denjenigen aus jüngeren Generationen.

Durch ihre eigenen Erfahrungen als Herausgeberin und ihrer erwachsenenbildnerischen Praxis konzipiert sie eine Bildungswoche für ältere und alte Menschen in Mariatrost. Die Nähe die sich durch das Wohnen im Bildungshaus ergab wurde auch durch die Methodik ergänzt, klientenzentriert und mit Biographiearbeit – es wurde sehr persönlich gearbeitet.

Erika lernte „viele ihrer schweren Schicksale und Erfahrungen kennen (...)“ und stand „mit großer Achtung vor so vielen stillen Lebensleistungen“ (Horn 2008).
Mit Ihrem Kollegen Paul Benedek arbeitete sie in Mariatrost in den Bereichen Lebensbegleitende Bildung und Sozialpädagogik. Ein Vortrag von Elisabeth Kübler-Ross in Graz war so eindrucksvoll, beide Benedek und Horn waren fasziniert vom Hospizgedanke.

Die steirische Hospizbewegung war für Erika in Folge von größter Bedeutung. Bis weit über ihren 80er hat sie mit Paul Benedek gemeinsam die Ausbildungen abgehalten. Immer wieder geht es um den Tod des eigenen Vaters im Krankenhaus und die literarische Beschreibungen von Thomas Bernhard.

„Genauso wie alle Menschen habe ich bei meinen Eltern in einem Gefühl gelebt, dass der Tod weit weg sei. Der Tod der Eltern findet nicht statt“ (Horn 2008).

Erika wurde von der Direktorin der Caritas eine Familienhelferinnenschule Cacilia Kappl gebeten ein Ausbildungskonzept für AltenhelferInnen zu konzipieren. Erika erhält, 57 Jährig ihre erste Anstellung – sie ist Lehrerin und unterrichtet Gerontologie, Gesprächsführung und Sterbebegleitung.

Auch in der FürsorgerInnenschule und der späteren Akademie für Sozialarbeit hielt sie Vorlesungen zur Gerontologie. Mit dem heutigen Ausbildungszentrum für soziale Berufe verbindet sie noch eine Freundschaft mit der Direktorin Waltraud Wiener, die sie ab und zu noch dazu einladet den jungen Schülerinnen zu erzählen. Erika wird zu den Fortbildungskurse für Stationsschwestern (ab 1971) eingeladen. Sie erlebt die Gründung des Berufsverbands und einer sozialmedizinischen Sonderausbildung für extramurale Pflege mit.

Ihr wissenschaftliches Netzwerk baut sie sich um Leopold Rosenmayr, Ursula Lehr, Hartmund Radebold und Arthur E Imhof. Seminare hält sie mit Hilarion Petzold, Erich Grond und Astrid Hedtke-Becker. Gertrud Simon, Professorin an der Karl Franzens Universität in Graz bittet Erika 1999 bei der Konzipierung und Durchführung des Universitätslehrganges für Interdisziplinäre Gerontologie mitzuarbeiten. Zu diesem Zeitpunkt sind schon die meisten EnkeInnen und einige UrenkeInnen geboren. Und Erika ist 80.

Das eigenen Altern

In den letzten 10 Jahren hat sie Bekanntschaft mit ihrer persönlichen Hochaltrigkeit gemacht. Früher hat sie im Lehrgang „Älterwerden – (k)ein Problem?“ in Strobl gelehrt und dabei die 5 Säulen der Identitätsfindung nach Hilarion Petzold verwendet (vgl. Horn 1996, o.S.): Der Leib, das Soziale Netzwerk, Arbeit und Leistung (siehe oben), Materielle Sicherheit und Werte:
Arbeit und Leistung als eine der Identitätspfeiler in Petzolds Diagramm sollen hier noch mit Lernen ergänzt werden. Denn Erika lernt unermüdlich. Sie hinterfragt ständig, Meinungen, Informationen, Zusammenhänge und ihr eigenes Bild der Welt, im großen und im kleinen.

Der Leib

„An unserem LEIB wird unsere Lebensgeschichte eingezeichnet durch die Jahre hindurch ist sie abzulesen - wir sind Leib, als Frau und als Mann, unser ganzes Sein und Tun braucht ihn, um uns anderen und der Welt zu vermitteln, unser Ansehen, unser Selbstwertgefühl hängen mit unserem Aussehen, unserer Gesundheit zusammen“. (Horn 1996, o.S.)

„Der Körper ist ein strenger Meister“, sagt Erika. „Die Identitätsfrage wird im Alter noch einmal neu gestellt. Bei mir ist innerlich trotzdem etwas heil geblieben, das wundert mich selber, dass ich ganz vergnügt und zufrieden bin, obwohl der Alltag manchmal mühsam ist, jetzt mit den Krücken vor allem.“

Das Altern erlebt Erika nun am eigenen Leib noch stärker als in den letzten 20 Jahren. Sie ist häufig gestürzt und hat sich dabei öfters schwer verletzt. Sie ist höchst sturzgefährdet, trägt zu ihrer Sicherheit einen Notfallknopf und ist durch eine Geh-hilfe oder Krücke mobil. Ihr Gehör ist relativ gut, doch die Augen produzieren Doppelbilder, die ihre Wahrnehmung stören. Am schwersten gelingt es ihr, sich an die verringerte Geschwindigkeit, im Gehen, Anziehen und Baden zu gewöhnen. „Alles dauert so lange“.

Das soziale Netzerk

Neben einem großen Familiennetzwerk durch ihre Söhne und Schwiegertöchter und den vielen EnkelInnen und UrenkelInnen pflegt Erika ihre Freundschaften die sie in den letzten 90 Jahren hat beginnen und erhalten können entweder durch Besuche, aber oft auch durch Telefonanrufe. Das Telefon ermögliche ihr einen Intimraum, sagt Erika. Eine Telefonnische, in die sie sich mit dem Anrufer oder mit der Anruferin begibt, nennt sie das. „Die Technik stört mich nicht.“ Erika ist dankbar, dass es das Telefon gibt, sogar die Zwischentöne könne man am Telefon hören. "Und das Rückrufen kostet auch nicht mehr so viel.“ (in Haring 2008, S. 20).

Materielle Sicherheit

Erika kennt sich aus, welche Telefonanbieter günstiger sind. Sie lacht: „Ich bin ja ein biss‘l geizig gewesen früher“ (in Haring 2008, S. 20). Zu Geld glaubt Erika ein schlechtes Verhältnis zu haben, weil sie von Zuhause nie etwas darüber gelernt habe. Erika glaubt sie sei manchmal zu großzügig, manchmal aber auch zu kleinlich, gerne wäre sie immer großzügig, doch dann kämen die Geldsorgen. „Da muss ich jetzt einmal im Duden nachschaun“ ist ein Satz von ihr. Sie entstammt noch einer Generation, die nicht selbstverständlich mit dem Internet beziehungsweise dem Computer umgeht. Auch das Handy ist für Erika fremd. Sie hat zwar eines aber die Tatsache immer erreichbar zu sein, findet sie befremdlich. Als Mutter von den kleinen Buben hätte sie das gut brauchen können, sagt sie.

Werte

Was sie lehrt und was sie für sich selbst sieht hat eine 100prozentige Übereinstimmung. Erika Horn ist authentisch. Erika glaubt an das Gute, aber nicht in einer naiven Position, sondern durch Reflektieren und Nachdenken. Sie will Menschen dazu motivieren, für das was sie sich erarbeiten, viel zu tun. Der Sinn zum Nachdenken- dann Handeln und ihren Gerechtigkeitssinn - beide zeigen sich auch in der Lehre und erwachsenenbildnerischen Praxis.

Doch düster ist die Art der Haltung gegenüber dem eigenen Älterwerden nicht. Erika ist nicht euphorisch wie die GerontologInnen in den 1980ern, sie ist auch keine Schwarzmalerin – wie Simone de Beauvoir. Sie nimmt Rosenmayr’s Hoffnung Alter (auch diesen Wissenschaftler hat sie mit ihrer Beständigkeit im Nachfragen inspiriert) und sieht mit einer gewissen Nüchternheit, nun selbst, dass Altern bestimmte Einschränkungen beinhaltet, die weder veränderbar noch auslöschbar sein können - die es in Kauf zu nehmen gilt.

„Venedig sehen und dann sterben“ so ist es eben nicht. An die Möglichkeit am höchsten Punkt des Glückes hinübergehen zu können, glaubt Erika nicht. Zuviel hat sie gesehen und durch ihre Arbeit im dem Hospiz erlebt: „Ich weiß nur, dass es ein Geheimnis ist, mehr denn je. Dem einen wird es gewährt, dem anderen nicht.“

Dr.in Mag.a Solveig Haring,
wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Karl-Franzen Universität Graz,
Institut für erziehungs- und Bildungswissenschaft.
Schwerpunkte:
Biografie , Altern und Geschlecht.

Artikel:
Mit Auszügen aus dem Buch: Erika Horn. Leben – auf den Leib geschrieben. Von Solveig Haring, erscheint am 28. Juni 2008 bei Classic Graz.

Literatur:
Haring, Solveig (2008) Erika Horn. Leben – auf den Leib geschrieben. Graz: Classic Verlag.
Horn, Erika (2008) Lebensrückblick, unveröffentlicht.
Horn, Erika (1996) Wer bin ich, wenn ich alt bin? Aus der Seminarunterlage des Lehrgangs „Älterwerden – (k)ein Problem?“ Strobl.
Welzig, Elisabeth (2006): Leben und überleben. Frauen erzählen vom 20. Jahrhundert. Wien: Böhlau, S. 107-119.