fgz 01 - FGZ November 2011

 

 

Gesundheitskompetenz: Von Null auf Hundert

Mag.a Ulla Sladek, Mag.a Sylvia Groth MAS, Mag.a Rita Obergschwandner

Frau Müller will sich ein neues Auto kaufen. Sie besucht verschiedene Autohäuser und lässt sich beraten. Sie überlegt, was ihr persönlich an einem Auto besonders wichtig ist. Sie recherchiert im Internet nach Testberichten, die Treibstoffverbrauch, Sicherheit und Mängelanfälligkeit vergleichen. Sie wägt Preis und Leistung ab und wählt jenes Modell, das ihren Ansprüchen am besten entspricht. Für die Suche benötigt sie Zeit und Kompetenzen: Sie muss herausfinden, wo sie Informationen bekommen kann und ob diese verlässlich sind.

Wenn es um die Gesundheit geht, sind entsprechende Fähigkeiten mindestens genauso wichtig. Denn die Konsequenzen von Entscheidungen spüren wir am eigenen Leib.

Interessen, Irrtümer und fehlende Informationen

Es gibt marktwirtschaftliche Interessen im Gesundheitswesen. Fehlannahmen von WissenschaftlerInnen und MedizinerInnen kommen vor. Unabhängige, evidenzbasierte und verständliche Informationen für Bürgerinnen und Bürger sind noch rar. Häufig gibt es vielmehr irreführende PatientInneninformationen, die zu schwerwiegenden Trugschlüssen führen können und den NutzerInnen schaden (Mühlhauser 2010a, 2010b).

Die Einnahme von Hormonen in und nach den Wechseljahren wurde lange Zeit als effektiv und sicher propagiert. Sie sollten auch vor kardiovaskulären Erkrankungen (KHK) schützen. Die WHI-Studie (2002) belegte, dass das Gegenteil der Fall war: Das Risiko für KHK stieg an. Weil sich auch das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, deutlich erhöhte, wurde die Studie frühzeitig abgebrochen (WHI 2002, S. 326). Trotz der sehr umfassenden Belege zum möglichen Schaden einer Hormonbehandlung im Wechsel behaupten viele GynäkologInnen immer noch, dass eine „maßgeschneiderte“ und „individualisierte“ Behandlung sinnvoll sei (Bundesministerium für Gesundheit 2011, S. 274).

Wissen macht stark und gesund

Es braucht demnach Wissen für den Umgang mit Gesundheitsinformation und gesundheitlichen Entscheidungen. Frauen und Männer – ob gesund, mit chronischen oder akuten Erkrankungen – benötigen Gesundheitskompetenz damit sie als gleichwertige PartnerInnen mit Gesundheitsfachleuten sprechen und ihre Perspektiven und Wünsche einbringen können.

Gesundheitskompetenz umfasst vielfältige Fähigkeiten, die Frauen und Männer brauchen, um sich Gesundheitsinformationen zu beschaffen, sie zu verstehen, zu bewerten und auf dieser Basis informierte Entscheidungen zu treffen. Somit stärkt Gesundheitskompetenz die Gestaltungs- und Entscheidungsfreiheit in Gesundheitsfragen.

Gesundheitskompetenz stärken

In Österreich hat das Frauengesundheitszentrum im Projekt Wissen macht stark und gesund – Kompetenztraining insgesamt 142 Frauen und Männer in kritischer Gesundheitskompetenz geschult. Die TeilnehmerInnen der Trainings arbeiten in Gesundheitsberufen oder bei Selbsthilfeorganisationen. Sie sind MultiplikatorInnen aus dem Sozialbereich und MitarbeiterInnen von Krankenversicherungen (Sladek et al. 2011). Das Konzept der Fortbildung stammt von der Universität Hamburg (Ingrid Mühlhauser und Bettina Berger), das Projekt ist von dem Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz gefördert worden.

Wie finde ich gute Gesundheitsinformationen im Internet

Das Internet ist eine der wichtigsten Quellen für Frauen und Männer, wenn sie nach Informationen zu Gesundheit, Krankheit, Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten suchen. Laut dem aktuellen amerikanischen E-Patient Survey nutzen rund 80 Prozent der amerikanischen Bürgerinnen und Bürger das Internet. Wiederum rund 80 Prozent dieser NutzerInnen suchen im Internet nach Gesundheitsinformationen. Das Internet bietet eine Vielfalt an Informationen über Krankheiten, Behandlungsmethoden oder Früherkennungsmaßnahmen. Was unterscheidet aber eine glaubwürdige von einer verzerrenden oder falschen Information?

Ein Workshop des Frauengesundheitszentrums bietet nun Einblick in die Grundlagen des Suchens, Findens und Bewertens von Gesundheitsinformation. Die TeilnehmerInnen lernen die Kriterien zum Bewerten von Gesundheitsinformationen im Internet kennen, qualitätsvolle Websites werden vorgestellt.

TERMINE

Für interessierte Frauen

7. November 2011, 16.30 – 18.00 Uhr

Frauengesundheitszentrum, Joanneumring 3, 8010 Graz

Kostenfrei

Maximale Teilnehmerinnenzahl 15

Bitte melden Sie sich an ✆ 0316/83 79 98, ulla.sladek@fgz.co.at


Für interessierte Frauen und Männer

Im Rahmen der Vita Activa Reihe Wissen und Erfahrungen weitergeben

22. November 2011, 18.00 – 20.30 Uhr

Zentrum für Weiterbildung der Universität Graz

Harrachgasse 23, 8010 Graz

Kostenfrei

Maximale TeilnehmerInnenzahl 15

Bitte melden Sie sich an ✆ 0316/380-1105, vita-activa@uni-graz.at

fgz 02 - FGZ November 2011 Finanziert aus Mitteln des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz.

 


Quellen:

Bundesministerium für Gesundheit: Österreichischer Frauengesundheitsbericht 2010/2011. Wien 2011.

Mühlhauser, Ingrid: Märchen der Medizin – wem und was sollen PatientInnen glauben? In: Beiersdörfer, Kurt: Das Verhältnis von Arzt und Patient. München 2010.

Mühlhauser, Ingrid: Patientenmanipulation durch Patienteninformation. Public Health Forum 18, Heft 68, 2010a.

Mühlhauser, Ingrid: Märchen der Medizin – wem und was sollen PatientInnen glauben? In: Beiersdörfer Kurt, Das Verhältnis von Arzt und Patient. München 2010b.

Sladek, Ulla; Berger, Bettina; Hirtl, Christine; Steckelberg, Anke; Matyas, Eva; Ebner, Katharina; Groth, Sylvia: Wissen macht stark und gesund – Fortbildungen zur Stärkung von kritischer Gesundheitskompetenz. In: Krajic, Karl: Lernen für Gesundheit. Reihe Gesundheitswissenschaften, Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik der Johannes Kepler Universität, Linz 2011 (in Druck).

Writing Group for the Women’s Health Initiative (WHI) Investigators: Risks and Benefits of Estrogen Plus Progestin in Healthy Postmenopausal Women. JAMA 2002, 288(3):321-333.