Ein wichtiger Schritt vorwärts

Gerhard Bisovsky über das Nachholen des Pflichtschulabschlusses „erwachsenengerecht“


Der Pflichtschulabschluss fungiert als Eintrittstor in den Arbeitsmarkt und als Zugang zu weiterführender Bildung und gibt Auskunft über ein erreichtes Niveau an Grundbildung. Mit dem Gesetz über den Erwerb des Pflichtschulabschlusses durch Jugendliche und Erwachsene, das am 1. September 2012 in Kraft getreten ist, wurd eine „erwachsenengerechte“ Form geschaffen.

Erwachsenengerechte Didaktik

Grundlage aller anerkannten Vorbereitungslehrgänge und Prüfungen ist ein kompetenzbasiertes und lernergebnisorientiertes Curriculum. Lehrende und Lernende wissen, was sie zu erwarten haben und das Gelernte soll auch in einem anderen Kontext umgesetzt werden können.

Sechs Prüfungen sind abzulegen, zwei davon können optional aus einer Liste gewählt werden. Im Fach Berufsorientierung soll als alternative Prüfungsform ein Portfolio verwendet werden. Für die Prüfung sieht das Gesetz „thematisch und didaktisch erwachsenengerecht abgefasste Aufgabenstellungen“ vor (§ 3, Abs. 1). Was das konkret heißen kann, diskutiert Jürgen Maaß am Beispiel Mathematik in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Die Österreichische Volkshochschule (Nr. 246/ S.29-31).

Die Reduktion der Gegestände bedeutet keine Senkung des Niveaus, vielmehr werden die beruflichen und die privaten Lebenserfahrungen mit einbezogen. Damit wird non-formales Lernen (etwa in Kursen, Seminaren, Vorträgen) oder informelles Lernen (mit dem Internet und anderen Medien, am Arbeitsplatz, im privaten Alltag, in Studienzirkeln und Bibliotheken, usw.) anerkannt.

Rolle der Erwachsenenbildung

EB-Organisationen haben das Recht bei anerkannten Lehrgängen fünf Prüfungen selbst abzunehmen. Damit ist ein weiterer wichtiger Schritt zur Integration der Erwachsenenbildung in das Bildungssystem gelungen.

Es wird allerdings noch daran zu arbeiten sein, dass dieser neue Abschluss eine ähnliche Bedeutung am Arbeitsmarkt erlangt wie der Hauptschulabschluss.

Qualifikation für Lehrende

Das Pflichtschulabschluss-Prüfungsgesetz legt das erforderliche Qualifikationsniveau für anerkannte Lehrgänge mit Prüfungsrecht durch die Erwachsenenbildung mit einem einschlägigen Lehramtsstudium oder einem fachlich entsprechenden Studium mit langjähriger Praxis in der EB fest.

Die Initiative Erwachsenenbildung (IEB) hingegen fordert für die Anerkennung von Lehrgängen für den Hauptschulabschluss entweder ein einschlägiges Lehramt oder eine langjährige Praxis in der EB und das Zertifikat der Weiterbildungsakademie (wba).

In einer Machbarkeitsstudie wird nun erarbeitet, wie und unter welchen Voraussetzungen ein Gleichziehen geschehen könnte, was bei konsequenter Lernergebnisorientierung und Kompetenzorientierung aber möglich sein sollte.

Alles in allem: Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Bleibt zu hoffen, dass die erwachsenengerechte Didaktik weiter entwickelt wird.


Gerhard Bisovsky,

Generalsekretär des Verbandes Österreichischer Volkshochschulen (VÖV)

(dieser Text ist auch erschienen im aktuellen Programmheft des Bundesinstituts für Erwachsenenbildung bifeb)