barrfr - NL Dezember InterviewWas genau ist „Leichte Sprache“ und für welche Zielgruppen ist dieses Format wichtig?  Das Bildungsnetzwerk im Gespräch mit Walburga Fröhlich, Geschäftsführerin von atempo.


(im Bild unten: Bildungslandesrat Mag. Michael Schickhofer liest den Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Leichter Sprache)

Menschen mit Lernschwierigkeiten nehmen zwar zunehmend, allerdings immer noch verhältnismäßig wenig an Weiterbildung teil. Um mit der Zielgruppe der Menschen mit Lernschwierigkeiten vertraut zu werden, sind Aufmerksamkeit und eine stark ausgeprägte KundInnenorentierung wichtig. Menschen mit Foto von Bildungslandesrat Schickhofer, wie er den Aktionsplan zur Umsetzung der UN Behindertenrechtskonvention in leichter Sprache liestLernschwierigkeiten benötigen Unterstützung beim Erlernen von Inhalten,Erfassen von Anweisungen, Aufgaben etc. Vor allem Tempo und Sprache sind wesentliche Kriterien, um Lernen zu ermöglichen.

Um die Zielgruppe der Menschen mit Lernschwierigkeiten besser erreichen zu können, empfiehlt es sich, Einladungstexte und Bildungsprogramme auch in Leichter Sprache anzubieten.

Dass die Zielgruppen, die durch Leichte Sprache erreicht werden können aber weit größer sind, als auf den ersten Blick vermutet, wird klar, wenn man bedenkt, dass auch Menschen mit nicht deutscher Muttersprache, Menschen mit Leseschwierigkeiten und viele mehr, einfache Texte schneller und besser verstehen können.

Frau Fröhlich, was bedeutet dieses LL, das man immer öfter neben oder vor Texten platziert sieht, eigentlich genau?

Leicht Lesen (LL) ist ein Gütesiegel für leicht verständliche Texte in deutscher Sprache. Die beiden Buchstaben LL bedeuten Leicht Lesen. Ein Text bekommt das LL-Zeichen, wenn Capito den Text gemeinsam mit Menschen mit Lernschwierigkeiten geprüft hat. Leicht Lesen ist keine eigene Sprache, sondern bedeutet, dass man Texte produziert, die auch von Menschen mit Leseschwierigkeiten gelesen werden können.

Lesen ist eine Kompetenz, die durch Üben besser wird, aber die man bei Nichtgebrauch wieder verlernt. Mit Alltagstexten und wichtigen Informationen im Leicht Lesen Format erreichen wir nicht nur, dass alle Menschen, die sie brauchen, sie verstehen, sondern auch, dass Menschen mit Leseschwierigkeiten mit ihnen ihre Lesekompetenzen verbessern können.

Kann es sein, dass viele Bildungseinrichtungen Leichte Sprache nicht anbieten, da ohnehin nie Menschen mit Lernschwierigkeiten oder Schwierigkeiten beim Lesen als KundInnen zu ihnen kommen?

Wir wissen aus Studien [Anm.: Leo Studie, Anke Grotlüschen/ Wibke Riekmann, Universität Hamburg, 2011, PIAAC 2014.], dass insgesamt 40% der Erwachsenen in Deutschland und Österreich Leseschwierigkeiten haben. Das bedeutet, sie erreichen die Sprachkompetenzstufe B1 nach der Globalskala des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen (GERS) nicht. Das ist jene Kompetenzstufe, die man eigentlich nach Abschluss der Pflichtschule erreicht haben sollte.

Nicht oder nur schlecht lesen können ist jedoch sehr tabuisiert. Davon betroffene Menschen haben in der Regel ein ausgeklügeltes Kommunikations- und Sozialverhalten entwickelt, das sie davor schützt, „entdeckt“ zu werden. Insofern ist es im normalen Arbeitsalltag gar nicht so leicht, zu erkennen, wenn jemand einen Folder, ein Formular oder eine Information nicht oder nur mangelhaft lesen und verstehen kann.

Allein statistisch gesehen, kommen ziemlich sicher auch Menschen mit Leseschwierigkeiten in die steirischen Bildungseinrichtungen und auch in die Bibliotheken. Jeder fünfte Jugendliche ist betroffen, sowie einer von acht Arbeitnehmern. Leseschwierigkeiten kommen in allen sozialen Schichten vor.

Es ist aber leider auch so, dass gerade „bildungsferne“ Menschen eher nicht von sich aus Angebote der Erwachsenenbildung in Anspruch nehmen. Sie gehen ja in ihrem Selbstverständnis davon aus, dass Bildung „nichts für sie ist“. Umso mehr braucht es gut sichtbare Hinweise an diese Menschen, dass man bereit ist, sich auf sie einzustellen und auch dementsprechend kommunizieren und informieren kann.

Es gibt immer wieder Stimmen, die meinen „Leichte Sprache“ macht die schöne deutsche Sprache kaputt. Was meinen Sie dazu?

Die „schöne deutsche Sprache“ erfordert hohe Lesekompetenzen geübter Leserinnen und Leser. Um das Lesen üben zu können, braucht man aber Texte, die den jeweils gegebenen Kompetenzstufen entsprechen, auch jenen am unteren Ende der Skala. Es würde ja auch nicht funktionieren, einem Klavierspieler, der gerade mal den Flohwalzer beherrscht, als nächstes Beethovens Klaviersonaten zum Spielen zu geben.

In diesem Sinne macht LL die schöne deutsche Sprache nicht kaputt, sondern hilft jenen Menschen, die damit überfordert sind, ihre Lesekompetenzen Stück für Stück zu verbessern. Nur so haben sie überhaupt eine Chance, irgendwann einmal auch besonders kunstvoll ausgeführte Texte lesen und verstehen zu können.

Für wen sind die Texte in leichter Sprache gedacht?

Wir von capito sprechen lieber von zielgruppengerechter Information als von einfacher oder leichter Sprache. Wir wissen, dass alle Menschen – ganz unabhängig von ihrem Bildungsstand – immer wieder mit Texten und Informationen konfrontiert werden, die sie nicht verstehen. Das Problem dahinter ist, dass jene, die diese Informationen verfassen, sich nicht vorstellen können, welche Begriffe und Formulierungen für ihre Zielgruppen schwer verständlich sind. Sie selbst sind ja mit ihren Inhalten vollkommen vertraut.

Zielgruppengerecht informieren bedeutet, eine Information so zu gestalten, dass sie auf dem Wortschatz der Zielgruppe zu einem bestimmten Thema und die Vorerfahrungen direkt aufbaut. Je nachdem, wie hoch die Sprach- und Lesekompetenzen der Zielgruppe sind und wie groß ihr Vorwissen zum Thema ist, wird man den Text mehr oder weniger einfach gestalten.

Insofern heißt „einfach“, dass ein Text für jene Leserinnen und Leser leicht zu lesen ist, die ihn schließlich lesen wollen, sollen und brauchen.

Es geht also nicht darum, eine eigene „einfache Sprache“ zu etablieren, sondern die Komplexität und Fachlichkeit eines Textes an die Kompetenzen der jeweiligen Zielgruppen anzupassen?

Ja, das ist gerade bei Gebrauchstexten und Informationen für alle wichtig. Es hat niemand etwas davon, wenn ein Folder mit rechtlich wichtigen Informationen schwer zu lesen und zu verstehen ist. Im Gegenteil, die Folgekosten nicht verständlicher Informationen sind enorm. Ein Beispiel ist der Gesundheitsbereich, wo eine Studie der Universität Amsterdam das sechsmal höhere Risiko von Analphabeten auf einen Herzinfarkt aufzeigt [Anm.: Groot, W., Maassen, H. (2006). Stil vermogen, een onderzoek naar de maatschappelijke kosten van laaggeletterdheid. Amsterdam: Universiteit van Amsterdam].

Der Anspruch, alle Texte umzuschreiben, bzw. doppelt zu verfassen, ist sehr hoch. Sollten ALLE öffentlichen Texte in einfacher Sprache zur Verfügung stehen?

Nein, Sie müssen nicht alles umschreiben und in einer einfachen Sprache verfassen. Wir empfehlen aber, sich jedenfalls ernsthaft mit der Frage auseinander zu setzen, ob die Informationen und Kommunikationsmittel, die man als Organisation verwendet, tatsächlich bei den Zielgruppen ankommen und verstanden werden.

Das betrifft nicht nur externe Zielgruppen, sondern auch die interne Kommunikation. Unsere Erfahrungen zeigen, dass viele Nachfragen, Beschwerden, Fehler, Reibungen und scheinbare Widerstände damit zu tun haben, dass die zugrundeliegenden Informationen schwer verständlich oder missverständlich waren.

Besonders wichtig ist diese kritische Reflexion der eigenen Informationsmaterialien und Kommunikationsmittel, wenn es um Themen geht, die für die Menschen von großer Bedeutung sind (Arbeitssicherheit, finanzielle Sicherheit, soziale Sicherheit), oder wenn man sicherstellen will, dass auch die anfangs genannten 40% Zugang zum eigenen Angebot haben oder nicht aus gesellschaftlich relevanten Prozessen ausgeschlossen werden.

Vielen herzlichen Dank Walburga Fröhlich! 


Kennzeichnung von Texten in leichter Sprache

leichtlesen - NL Dezember Interview

Das Symbol für leichte Sprache sehen Sie hier links. Nicht alle Texte in leichter Sprache müssen geprüft und zeritifiziert werden. Wenn Sie auf Ihrer Internetseite oder in Ihren Informationsbroschüren oder Bildungsprogrammen leichte Sprache anbieten, so können Sie das durch dieses Symbol kennzeichnen.

Auch, wenn Sie Bildungsangebote haben, zu denen Sie auch Menschen mit Lernschwierigkeiten einladen möchten, empfiehlt sich die Kennzeichnung des Angebots mit diesem Zeichen. 

Hier zum Vergleich:

Der Steirische Aktionsplan zur Umsetzung der UN Behindertenrechtskonvention:

http://www.soziales.steiermark.at/cms/dokumente/11910254_94717223/8a076d76/Aktionsplan.pdf

und hier der Steirische Aktionsplan in Leichter Sprache:

http://www.soziales.steiermark.at/cms/dokumente/11910254_94717223/64ce9db7/Aktionsplan%20LL.pdf

Für Fragen zum Artikel und zu Barrierefreiheit in der Erwachsenenbildung können Sie sich immer gerne an uns wenden. Wir freuen uns auch über Anregungen, Tipps und Hinweise: 

Bildungsnetzwerk Steiermark 

Claudia Zülsdorff 

claudia.zuelsdorff@eb-stmk.at Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!   

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