lit - NL Dezember Literaturtipp

Literaturtipp:

Zielgruppen in Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener
Bestimmung, Verortung, Ansprache
Projektträger im DLR e.V. (Hg.), wbv 2011.  

Die politischen Botschaften lauten seit vielen Jahren: Bildung ein wichtiger Rohstoff. Vor diesem Hintergrund sind geringe Schriftsprachenkompetenzen nicht nur ein individuelles Problem einzelner Betroffener, sondern ein gesamt-volkswirtschaftliches und ökonomisches relevantes Phänomen.

In Deutschland leben etwa 7,5 Millionen funktionale AnalphabetInnen. Ob jemand zu dieser Gruppe gezählt wird, hängt aber nicht unbedingt von konkreten Lese- oder Schreibkompetenzen ab, sondern von den Anforderungen, die die sie/ihn aktuell umgebende Gesellschaft stellt. Ob die jeweilige Schriftsprachenkompetenz als ausreichend anzusehen ist, ist demnach stets in zumindest 2 Dimensionen – einer individuellen und einer gesellschaftlichen – zu bedenken. Die Frage lautet also: Was wird zur aktuellen Zeit am aktuellen Ort als Vorausgesetzt angesehen? 

Wir leben in Europa aktuell in einer besonders textgestützten Wissensgesellschaft und die Anforderungen an die einzelnen Menschen in dieser Gesellschaft sind in den letzten Jahren sehr stark angestiegen. Durch diesen permanenten Anstieg potenziert sich die individuelle Problematik einzelner Betroffener, da die Ungleichheit strukturell verankert bleibt und die Mechanismen von Benachteiligung immer weitreichender wirken. 

Das Buch „Zielgruppen in Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“ präsentiert die aktuell vorliegenden Ergebnisse, die im Rahmen eines Förderschwerpunktes „Forschung und Entwicklung zur Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“ in Deutschland erarbeitet wurden. Themenschwerpunkte sind die Erfassung und Beschreibung dieser Zielgruppen, wobei hier auch unterschiedliche Perspektiven und Herangehensweisen beschrieben werden, die Evaluierungsergebnisse von spezifischen Maßnahmen, sowie daraus abgeleitet die möglichen Ansätze für künftige Basisbildungsarbeit. 

Das Berücksichtigen der unterschiedlichen Lernbiografien und stark ausgeprägte Lebensweltorientierung gelten in der Basisbildung als erwachsenenpädagogische Prinzipien. Vom geeigneten Ankündigungstext bis zur Umsetzung spezifischer Maßnahmen – große Aufmerksamkeit und breites Wissen um die Bedürfnisse und Bedarfe der Zielgruppen sind unumgänglich. Warum sind diese großen Zielgruppen aber so schwer erreichbar? 

Empirische Untersuchungen zeigen, dass funktionaler Analphabetismus in sehr heterogenen „Gruppen“ auftritt, was die Zielgruppen sehr schwer fassbar macht. Eine klare Benennung der Gruppen und die Erhebung der Anzahl der Betroffenen ist aber dennoch notwendig, um bildungspolitische und didaktische Interventionsmaßnahmen setzen zu können und geeignete Vermittlungsstrukturen bereitstellen zu können. Besonders in der Teilgruppe der Menschen mit Migrationshintergrund ist eine starke Differenzierung schon aus pädagogisch-didaktischer Sicht sinnvoll, um tatsächlich zielgruppenspezifische Angebote ableiten und zur Verfügung stellen zu können. 

Fazit: 

Das Buch ist sehr empfehlenswert und hilfreich für alle, die sich mit dem Thema Basisbildung für Erwachsenen näher auseinandersetzen möchten und besonders für all jene, die in der Basisbildung zielgruppenspezifisch konzipieren, entsprechende Weiterbildungen anbieten oder künftig anbieten möchten.

Hier werden eine gute Klärung der Begrifflichkeiten im Feld der Alphabetisierung und Grundbildung und eine umfassende Beschreibung der Zielgruppen geboten. Der aktuelle Forschungsstand in Deutschland findet sich systematisch zusammengefasst – sehr informativ und übersichtlich.   


Rezensentin: Claudia Zülsdorff

claudia.zuelsdorff@eb-stmk.at