„STUDY VISIT“ in der Region Göteborg in Schweden

schweden 02 - NL Februar 10 SchwedenGemeinsam waren Mag.a Grete Dorner (Bildungsnetzwerk Steiermark); Dr. Heinrich Klingenberg (Land Steiermark); Dr. Peter Härtel und Dr.in Michaela Marterer (Steir. volkswirtschaftl. Gesellschaft) im Rahmen des EU-Projektes „SMOC“ auf einer Studienreise in Schweden. Wir haben tollen Einblick ins gesamte schwedische Bildungssystem bekommen.

Wir haben tollen Einblick ins gesamte schwedische Bildungssystem bekommen., da gibt es viele Bereiche, die dort völlig „selbstverständlich“ sind und die bei uns gar nicht einmal wirklich diskutiert werden können. Dazu zählt vor allem der seit Jahrzehnten politisch völlig außer Streit gestellte Konsens über die Bedeutung der Bildung bzw. der EB im Besonderen. Parteipolitische Barrieren sind unbekannt und stoßen nur auf Kopfschütteln.

Staatliche bildungspolitische Vorgaben sind:

Der Staat ist zuständig für die nationalen Rahmenbedingungen und Vorgaben für EB – die operative Umsetzung der Programme obliegt praktisch zur Gänze den Gemeinden.

Gemeinden sind für alle Bildungsangelegenheiten zuständig

Eine aufgesplittete Zuständigkeit wie bei uns gibt es nicht, die „Landesebene“ spielt keine Rolle. Die Region Göteborg ist flächenmäßig ähnlich der Größe der Steiermark, hat ca. 1,2 Mio. Einwohner aber nur 13 (!) Gemeinden (Steiermark: 542). 

Umfassendes flächendeckendes Angebot

Im ganzen Land gibt es ein breites „Grundangebot“, das zumindest 70 (!) Programme allein im Bereich „Berufsbildung“ beinhaltet. Es gibt KEINE Unterscheidung zwischen „beruflicher“ und „allgemeiner“ Erwachsenenbildung 

Grundsätzlich für ALLE kostenlos zugänglich

schweden 03 - NL Februar 10 SchwedenDie Finanzierung des (großzügigen) Grundangebotes ist gesetzlich geregelt, eine jährliche Valorisierung von 6% ist festgeschrieben. Bei besonderen Schwerpunktthemen gibt es problemlos zusätzliche Mittel.Jedermann hat in Schweden jederzeit das Recht (!) an Bildungsmaßnahmen zu partizipieren. Es gibt keine Unterscheidung nach Geschlecht, Alter, Inländer/Ausländer Für MigrantInnen gibt es das Recht, das Programm „Swedish for immigrants“ zu besuchen. Die (erfolgreiche) Absolvierung (mindestens 200 Unterrichtseinheiten) ist Voraussetzung für jegliche staatliche finanzielle Unterstützung. Das ist eine tolle Lösung, weil sie die Verantwortung für die Integration zu den MigrantInnen schiebt. In Österreich ist es ja im Rahmen der „Integrationsvereinbarung“ Pflicht, Deutsch zu lernen, da gibt es aber häufig Schwierigkeiten vor allem am Kursangebot… 

Überall dieselbe Qualität gewährleisten

Gestaffelt nach der Bevölkerungsgröße gibt es flächendeckend sogenannte „Lernzentren“, die die praktische Bildungsarbeit machen. Lernzentren gibt es überall im Abstand von ca. 40km Umkreis, entsprechend mit Personal und Infrastruktur ausgestattet. Jeder Interessent bekommt einen „Trainer/Mentor“ zugeteilt, der mit ihm einmal grundsätzlich Bildungsbedürfnisse und Ziele klärt, erst dann ist eine Anmeldung/Teilnahme möglich. Der Trainer begleitet dann bis zum „Abschluss“. 

Lernende in den Mittelpunkt stellen

Ausgangspunkt ist das Bildungsbedürfnis der Studenten und nicht ein konkretes starr definiertes „Klassenziel“. Informell erworbene Vorkenntnisse/Fähigkeiten/Fertigkeiten können anerkannt werden, bis hin zur Studienberechtigung an den Universitäten!!Menschen mit Basisbildungsdefiziten werden extra betreut, vor allem von BibliothekarInnen, die ihnen die notwendigen Kulturtechniken beibringen.Die Lernzentren sind auf die Erfordernisse der Studierenden konzipiert, das beinhaltet auch moderne, einladende gemütliche Lernräume. Grundsätzlich stehen die Lernzentren 24 Stunden 7 Tage in der Woche zur Verfügung, sehr vieles kann über E-learning erfolgen. Ein „Lernzentrumswechsel“ z. B. nach Übersiedlung ist überhaupt kein Problem, es ist Aufgabe des Trainers/Lehrers (!!) in altem bzw. neuem Lernzentrum miteinander Kontakt aufzunehmen und eine für den Studenten praktikable Lösung zu finden!

 Volle Transparenz über Angebote, „Durchlässigkeit“ der Systemteile Schule/EB/Universität.

Auch Straßenmeister machen in Lernzentrum/Bibliothek Pause.Es ist selbstverständlich, dass alle Angebote öffentlich kommuniziert werden, „Schnittstellen“ zwischen „Schultypen“ werden gut definiert, ein Übertritt ist jederzeit möglich.Die „Schulaufsicht“ bzw. „Lernzentrumsaufsicht“ inspiziert jährlich alle Schulen/Zentren und verfasst Berichte, die ins Internet gestellt werden!!! Es gibt daher eine Art „Schulranking“ mit der Folge, dass „schlechte“ Schulen schon geschlossen wurden!

In jedem Lernzentrum gibt es verpflichtend (!) eine Info über das Personal (wer ist wer und wofür zuständig) und eine tagesaktuelle Übersicht, wer von Trainerseite gerade anwesend ist, sprich Dienst hat und für Fragen, Betreuung etc. zuständig ist.

„Sprechstunden“ im klassischen Sinn gibt es nicht, außerhalb der „Unterrichtszeit“ stehen die Trainer grundsätzlich zu Verfügung.Auch Straßenmeister (!) machen in Lernzentrum/Bibliothek Pause und nehmen sogar Bücher mit!  

ALLGEMEINE ERWACHSENENBILDUNG“

Was bei uns Volkshochschule, URANIA, usw. leisten/bieten wird in Schweden hauptsächlich von „Folksbildning“ geleistet, sonst gibt es wenige AnbieterEin Blick auf die Homepage von „folkbildning“ ist höchst lohnend: http://www.folkbildning.se/page/494/deutsch.htm 

„Die Bezeichnung „Folkbildning” ist in Schweden der Sammelbegriff für die Einsätze, die von den Volkshochschulen und Studienverbänden des Landes in Form von Kursen, Studienzirkeln und kulturellen Aktivitäten betrieben werden. „Folkbildning“ ist ein Teil des nicht formellen Ausbildungssystems. Jedes Jahr nehmen mehrere Millionen Schweden an volksbildenden Einsätzen teil.  

„Folkbildning“ – lebenslanges Lernen

Menschen wollen in verschiedenen Zusammenhängen und in allen Lebensphasen lernen und sich weiter entwickeln. Die schwedische „Folkbildning“ kommt diesem Bedarf entgegen und trägt damit zu Gesellschaftsentwicklung und Wachstum bei. Sie hat aber auch ihren Eigenwert, weil kundige und aktive Mitbürger den Kern einer Demokratie bilden. Die schwedische „Folkbildning“ steht jedem Mitglied der Gesellschaft offen. Alle nehmen zu denselben Bedingungen daran teil, aber unter verschiedenen Voraussetzungen. Es gibt verschiedene Ursachen dafür, dass Menschen durch die „Folkbildning“ Kenntnisse erwerben und sich weiter entwickeln wollen. Alle Gründe sind gleichermaßen von Bedeutung, unabhängig davon, ob es sich hierbei um persönliche Weiterentwicklung handelt, um die Chancen bei der Arbeitssuche zu erhöhen oder ganz einfach um die Lust am Lernen.

Studienverbände und Volkshochschulen bieten durch ihr reichhaltiges Angebot an Kursen und Ausbildungen alle Möglichkeiten zum lebenslangen Lernen – von Studienzirkeln, bei denen sich kleinere Gruppen einige Male in der Freizeit treffen, bis zu mehrjährigen Vollzeitkursen an Volkshochschulen.

„Folkbildning“ – Idee

Die Idee der „Folkbildning“ entstand zu Beginn der vorigen Jahrhundertwende, als der Ausbildungsstand in Schweden niedrig war und ganze Volksgruppen von höherer Ausbildung ausgeschlossenen waren. Die „Folkbildning“ war die Antwort auf das Streben der Menschen nach Wissen und den Willen, die Gesellschaftsentwicklung mit zu beeinflussen. Immer noch wird die Idee der „Folkbildning“ von der Vorstellung einer Gesellschaft mit so geringen Ausbildungsunterschieden wie möglich getragen. Es wird immer Menschen geben, die aus verschiedenen Gründen Ausweichmöglichkeiten zum formellen Ausbildungssystem benötigen. Hierin sehen Volkshochschulen und Studienverbände ihre wichtigste Aufgabe und gehen vom grundsätzlichen Recht aller Mitbürger auf Wissen und Entwicklung aus. Die schwedische „Folkbildning“ ist ein Teil des nichtformellen Ausbildungssektors und unterliegt nicht der staatlichen Detailsteuerung. Diese Freiheit sowie die starke Verbindung zum ideellen Sektor machen die „Folkbildning“ zu einer gesellschaftsverändernden Kraft. Die Leitsätze der „Folkbildning“ spürt man nicht zuletzt im praktischen Prozess durch dynamisches Zusammenspiel mit den Teilnehmern.

Die „Folkbildning“ hat folgende Richtwerte:  

  • Der Einzelne nimmt immer freiwillig am volksbildenden Prozess teil.
  • Die Teilnehmer besitzen große Möglichkeiten, die jeweiligen Einsätze zu beeinflussen.
  • Die „Folkbildning“ wird von der Einstellung geprägt, dass Lernen und soziale Gemeinschaft Hand in Hand gehen. Voraussetzungen und Erfahrungen eines jeden einzelnen Teilnehmers werden   beachtet.
  • Die „Folkbildning“ trägt dazu bei, durch enge Zusammenarbeit mit ideellen Organisationen Vereinen und Netzwerken verschiedener Art die zivile Gesellschaft zu stärken.

9 Studienverbände

In Schweden bestehen derzeit 9 Studienverbände, die vom Zentralrat „Folkbildningsrådet“ Zuschüsse erhalten. Die Studienverbände verkörpern unterschiedliche Profile und Fachrichtungen. Zwischen den Studienverbänden und den schwedischen Volksbewegungen bestehen enge Kontakte, z.B. zu den Behinderten-, Zuwanderer- und Umweltorganisationen. Die Studienverbände sind in ganz Schweden vertreten. Studienzirkel sind die wichtigsten Lernformen der Studienverbände. In Studienzirkeln treffen sich kleine Gruppen von Menschen zum gemeinsamen Lernen und gehen dabei von einem Studienplan unter der Betreuung eines Leiters aus. Studienzirkel gibt es in vielen hundert verschiedenen Fächern. Ein Teil davon ist eher theoretisch aufgebaut, beispielsweise in Sprachen, Geschichte und den Studien aktueller Gesellschaftsfragen. Andere wiederum erfolgen auf praktischer Basis wie Tanz, Holzarbeiten, Spiel eines Instruments usw. Die Studienverbände gelten darüber hinaus auch als größter Kulturveranstalter in Schweden. Durch Arrangieren von Kulturevents und Vorlesungen tragen die Studienverbände zu einem reichhaltigen Kulturleben im ganzen Lande bei.

148 Volkshochschulen

Die gegenwärtig 148 Volkshochschulen in Schweden sind über das ganze Land verteilt. Sie bieten Kurse für Erwachsene an (ab 18 Jahren). Viele Volkshochschulen werden von Volksbewegungen betrieben, beispielsweise von Organisationen im Bereich der Arbeiter-, Antialkoholiker- und Freikirchenbewegungen. Andere werden von Provinziallandtag oder den Regionen betrieben. Die Schulen verfolgen verschiedene Profile und Fachrichtungen in ihren Einsätzen. Die Volkshochschulen werden nicht von staatlichen Kursplänen gesteuert, sondern gestalten ihre Tätigkeit frei und unabhängig. Die Dauer der Kurse beträgt zwischen wenigen Tagen und mehreren Jahren. Die langen Kurse dauern im Allgemeinen 1-3 Jahre. Bestimmte Kurse vermitteln das der Gymnasialstufe entsprechende Wissen und damit die Hochschulreife. Viele Langzeitkurse werden in Spezialfächern abgehalten – Musik, Medienkunde, Gesundheitspflege, Tourismus usw. Einige bereiten auf Berufe vor, z. B. die Freizeitleiter- und Journalistenausbildungen. Kurzkurse erfolgen in einer Reihe verschiedener Fächer und Fachrichtungen. Der Unterricht in den Volkshochschulen wird von prozessorientierter Pädagogik geprägt, wobei das aktive Teilnehmen der Lernenden an dem Unterricht betont wird, z.B. durch Themen- und Projektarbeiten in kleineren Gruppen. Weil viele Erwachsene die Volkshochschulen besuchen, wird großes Gewicht darauf gelegt, vom Bedarf dieser Personen auszugehen und die früheren Erfahrungen des Einzelnen mitzuverwerten. Viele Volkshochschulen verfügen über ein Internat. Das bedeutet, die Studierenden können während der Kurszeit in der Schule wohnen. Der Unterricht ist gebührenfrei und es kann staatlicher Studienzuschuss beantragt werden.

Öffentliche Unterstützung der „Folkbildning“

Die „Folkbildning“ in Schweden wird in großem Maße durch ökonomische Unterstützung seitens Staat, Provinziallandtag und der Gemeinden finanziert. Es besteht ein breiter politischer Konsens darüber, dass der Staat die „Folkbildning“ finanziell unterstützt. Der schwedische Reichstag hat die übergreifende Ziele der Tätigkeit festgelegt.

Diese können etwa wie folgt zusammengefasst werden: Die schwedische „Folkbildning“ soll

  • die Demokratie stärken und entwickeln,
  • den Bürgern ermöglichen, ihre Lebenssituation zu beeinflussen und den Willen anregen, an der Gesellschaftsentwicklung teilzunehmen,
  • Ausbildungsunterschiede ausgleichen und den Ausbildungs- und Bildungsstand in der Gesellschaft erhöhen und das Interesse für das Kulturleben und die Teilnahme an diesem erhöhen.

Basierend auf diesen Voraussetzungen, können die Studienverbände und Volkshochschulen völlig frei die Ziele ihrer Einsätze festlegen. 2006 fasste der schwedische Reichstag einen einhelligen Beschluss über die Zukunft der „Folkbildnings“-Politik. Es wurden sieben Bereiche als Motivation des staatlichen Zuschusses an Volkshochschulen und Studienverbände vorgebracht. Diese gelten den Einsätzen für die Aufrechterhaltung der gemeinsamen gesellschaftlichen Wertebasis, den Anforderungen an die multikulturelle Gemeinschaft und der demografischen Herausforderung, die in der ständig älter werdenden Bevölkerung liegt, wobei die Gelegenheit zum lebenslangen Lernen beibehalten werden muss. Weiterhin wurde die Bedeutung der Kulturtätigkeit betont und wie wichtig es ist, Personen mit Funktionsbehinderungen zu erreichen. Schließlich motivierte man die Unterstützung der „Folkbildning“ mit den bedeutenden Einsätzen, die von den Studienverbänden und Volkshochschulen auf dem Gebiet der Volksgesundheit, der nachhaltigen Entwicklung und der globalen Gerechtigkeit getätigt werden.

Zentralrat „Folkbildningsrådet“

Diese Institution erhielt von der schwedischen Regierung und dem Reichstag die Aufgabe, die staatlichen Mittel an Volkshochschulen und Studienverbände zu verteilen. Weiterhin soll der Zentralrat die Tätigkeit der „Folkbildning“ nachverfolgen und auswerten. Der Zentralrat besteht aus drei Mitgliedern, die durchweg eng mit den Studienverbänden und Volkshochschulen verknüpft sind.

Es handelt sich um folgende Organisationen:

  • Der Verband „Folkbildningsförbundet“ – eine Interessenorganisation von 9 Studienverbänden,
  • Die „Rörelsefolkhögskolornas intresseorganisation/RIO“, welche diejenigen 105 Volkshochschulen  umfasst, deren Träger Volksbewegungen und sonstige Organisationen sind sowie
  • „Sveriges Kommuner och Landsting/SKL“, welche diejenigen Landtage und Regionen repräsentieren, die Träger von 43 Volkshochschulen sind.  

Aktuelle Ziffern zur schwedischen „Folkbildning“ (2008)

Die Studienverbände gestalten jedes Jahr:

  • Rund 285 000 Studienzirkel mit fast 2 Millionen Teilnehmern
  • Rund 250 000 Kulturprogramme mit über 15 Millionen Teilnehmern

Die Volkshochschulen zählen in jedem schwedischen Semester:

  • Rund 26 500 Teilnehmer langer Kurse
  • Rund 80 000 Teilnehmer kurzer Kurse

Öffentliche Mittel 2008 an Volkshochschulen und Studienverbände:

  • Vom Staat: ca. 3 Milliarden SEK (ca. 328 565 000 EUR)
  • Vom Landtag: ca. 850 Millionen SEK (ca.82 496 000 EUR)
  • Von den Gemeinden: ca. 400 Millionen SEK (ca.42 517 000 EUR)

Resumee:

Nicht alles bei uns ist schlecht, aber gegenüber Schweden sind wir in manchen Bereichen ein „Entwicklungsland“.Im Bereich „Bildungsinformation/Bildungsberatung“ sind wir auf gutem Weg, ebenso mit dem Projekt „Basisbildung im oberen Murtal“. Im Bibliotheksbereich herrscht bei großer Verbesserungsbedarf. Ehrenamtlich geführte Bibliotheken sind unbekannt!

Dr. Heinrich Klingenberg