ISOP

Kompetenzorientierung als Systemalphabetisierung

Die nüchternen Fakten sollten bekannt sein: Menschen mit Migrationshintergrund sind weit überproportional in prekären Branchen beschäftigt.

Robert Reithofer, ISOP-GF

robert.reithofer@isop.at

Von Arbeitslosigkeit sind sie sehr viel stärker betroffen und in Krisenzeiten verlieren sie als Erste ihre Jobs. Während das Ausmaß der manifesten Armut und der Armutsgefährdung in der Steiermark bei 13 Prozent liegt, sind Menschen mit Migrationshintergrund zu rund 30 Prozent arm. Auch bei eingebürgerten Personen liegt die Armutsbetroffenheit weit über dem Durchschnittswert. Diese strukturell verankerten sozialen Ausgrenzungsprozesse kommen für Frauen nochmals in verschärfter Form zum Tragen.

isop isotopia - NL Februar ISOP Diese Ausgangslage war Beweggrund dafür, dass der steirische Beschäftigungspakt im Rahmen des ESF-Schwerpunktes „Integration arbeitsmarktferner Personen“ für die Jahre 2010 und 2011 einen migrationsspezifischen Schwerpunkt setzte. Unter dem Motto „Steps to better employment“ wurden Projekte gefördert, die Menschen mit Migrationshintergrund den Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtern sollen.

Die vorliegende Ausgabe der ISOTOPIA (http://www.isop.at/isotopia/bilder/ISOTOPIA_2012_76.pdf ) resümiert die von ISOP entwickelten und umgesetzten Projekte. Fokussiert wurden kompetenzorientierte Zugänge und arbeitsplatznahe Qualifizierungen. Die formalen und informellen Kompetenzen von MigrantInnen werden oft nicht angemessen wahrgenommen und erhoben. Ganz im Gegenteil kommt es zu einer systematischen Entwertung, in der strukturell verfestigte Defizitzuschreibungen reproduziert werden. Kompetenzorientierung ernstgenommen erfordert dagegen einen radikalen Paradigmenwechsel, der weit über den migrationsspezifischen Kontext hinausweist.

So sehr beispielsweise Deutschkenntnisse von elementarer Bedeutung sind, so sehr wird doch in einer darauf eingeengten Sichtweise die Ratlosigkeit sichtbar, mit der auf die Bedürfnisse und Problemlagen von MigrantInnen eingegangen wird. Worum es letztlich geht, ist eine umfassende Planung und koordinierte Umsetzung eines nicht im Nebulosen verbleibenden Diversityzuganges. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer konsequenten Verbreiterung von Kompetenzen im Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt. In anderen Worten ist damit die Wichtigkeit einer Systemalphabetisierung als gesellschaftlicher Zukunftsfrage angesprochen. Insbesondere geht es in dem Zusammenhang um das Erkennen von Diskriminierung und um nachhaltig wirkende Maßnahmen zu deren Bekämpfung.

Vor diesem Hintergrund ist auch die Frage der Zielgruppen zu sehen. Menschen mit Migrationshintergrund müssen im Sinne von Empowerment unterstützt werden, die Mehrheitsgesellschaft und vor allem Planungsverantwortliche dagegen brauchen Unterstützung dabei, zu verlernen mit gesellschaftlicher Vielfalt diskriminierend umzugehen.


Editorial (ISOTOPIA 2012, Nr. 76)

http://www.isop.at/isotopia/bilder/ISOTOPIA_2012_76.pdf