c 01 - NL Februar LiteraturLiteraturtipp:

Paul Mecheril, Inci Dirim, Mechthild Gomolla, Sabine Hornberg, Krassimir Stojalnov (Hrsg.):

Spannungsverhältnisse.
Assimilationsdiskurse und interkulturell-pädagogische Forschung.
Waxmann Verlag 2010.


In Theorie wie in der Praxis behaupten sich in den letzten Jahren im deutschsprachigen Raum stark assimilatorische Ansätze und Positionen, die einseitig Angleichungserfordernisse in der Migrationsgesellschaft definierten und etablieren – und das, obwohl die kritische Migrationsforschung seit Jahren nach neuen Konzepten verlangt. Dieser Umstand war Anlass und Thema einer Tagung (der SIIVE 2009), auf deren Hintergrund dieser Band zusammengestellt wurde. Der erste der beiden Teile des Bandes widmet sich der kritischen Betrachtung des aktuellen Integrationsdiskurses. Diskurse über die Medien und in der Kunst/Kultur, im öffentlich geführten Wissenschaftsstreit in Deutschland – die problematische Verfestigung eines eurozentristischen Weltbildes als erkenntnistheoretische Basis ist allgegenwärtig und befindet sich in einem Spannungsverhältnis zur tatsächlichen Gesellschaftsentwicklung.

Unter anderen wird der Begriff der „Integration“ als solcher hinterfragt, ein Begriff, der im Bereich der Behindertenintegration bereits mehr oder weniger erfolgreich durch „Inklusion“ und auf institutioneller Ebene durch „Barrierefreiheit“ ersetzt worden ist. Bei Migration hingegen wird Integration als einseitige Angleichserfordernis und der Typus Migrant(in) somit als defizitär behandelt. Darüber hinaus weist etwa Inci Dirim nicht nur auf die permanente Pathogenisierung von Mehrsprachigkeit hin, sie belegt aktuell etablierte Formen von (Neo-)Linguizismus und Rassismus (S. 91 ff).

Besonders hervorzuheben ist die Aussage von Erol Yildiz (S.70): „Während offene und direkte rassistische Äußerungen nicht länger akzeptabel sind, bedeutet der Versuch, mit Toleranz oder „Ausländerfreundlichkeit“ dagegen anzugehen, ihre Fortführung. Die erkenntnistheoretische Basis, die rassistischen Weltbildern zugrunde liegt, bleibt weiterhin unhinterfragt.“

Dieser Hinweis kann als Schlüsselaussage gesehen werden, die bei jeglicher Arbeit, insbesondere der Bildungsarbeit, die in multikulturellen Kontexten stattfindet, große Aufmerksamkeit verdient. Denn selbst wohlmeinende AkteurInnen tragen, durch die binäre Sichtweise eines „Wir“ und „die Anderen“ und die Argumentation an natio-kulturellen Scheinmerkmalen entlang, zur Verfestigung problematisierter Differenzen bei.

Der zweite Teil des Bandes widmet sich empirischen Studien zu migrationsgesellschaftlichen Bildungsräumen – primär der Schule. Fest steht zwar: die Gesellschaft selbst setzt sich zunehmend heterogen zusammen – „Migration“ trifft aber nicht jetzt plötzlich und schon gar nicht als homogenes Phänomen auf das Bildungssystem und Bildungsinstitutionen, denn es sind differente Individuen, die sich in den Bildungsräumen bewegen. Kritisch beschrieben wird, wie hier Differenz und Vielfalt Systemen mit starren, auf Homogenität ausgerichteten Vorgaben und institutionellen Routinen gegenüberstehen.

Die Dringlichkeit der Thematik rechtfertigt ein Innehalten. Innehalten in der täglichen Routine, um einen realistischen Blick auf die aktuelle Situation, die öffentliche Diskussion und die Migrationsdebatten zu werfen um entsprechend der gegebenen Umstände agieren zu können. Dieser Sammelband bietet einen kritischen Blick aus interkulturellpädagogischer Perspektive. Und all jenen, die sich im Migrationsdiskurs oft sprachlos abstrusen Argumenten gegenübersehen: in diesem Band finden Sie Hintergründe, Praxisverweise und Argumentationshilfen. Zusätzliches Plus: neben umfangreichen Literaturlisten haben die AutorInnen ihre E-Mail-Kontaktadressen im Buch angegeben, so dass unbürokratisches Nachfragen und individueller Austausch möglich sind.


Bildungsnetzwerk Steiermark

Claudia Zülsdorff | claudia.zuelsdorff@eb-stmk.at

(Rezension auch erschienen in: Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Mit dem Deutschlernen und – lehren beginnen. ÖDaF – Mitteilungen 1/2011.)