Ein Literaturtipp

zum Einstieg ins Europäische Jahr des aktiven Alterns und der Solidarität zwischen den Generationen:

Leopold Rosenmayr, Im Alter noch einmal LEBEN

Familiengeschichten, Generationen, Kulturen – Alter kann nie singulär, sondern immer nur in ganzen Lebensspannen und in Kombination mit den jeweilig aktuellen Sozialstrukturen  betrachtet werden – dies freilich immer  in Verbindung mit Grundsätzlichem, das hohes Alter natürlich mit sich bringt.

Leopold Rosenmayr verbindet in diesem Buch die Erkenntnisse seiner langjährigen Forschung über das Alter und das Altern mit seinen persönlichen Erfahrungen. Die Rolle von Religionen, Unterschieden in verschiedenen Kulturkreisen und Wirtschaftssystemen – auch historische Betrachtungen fließen in seine Analyse der aktuellen Situation mit ein.

Alte Menschen werden in unserer heutigen Kultur nicht mehr als Träger des Wissens und der Weisheit wahrgenommen. Zwar bringt die heute alte Generation ein grundsätzlich höheres Maß an Schulbildung mit, als die Generationen davor, dennoch wird in der aktuellen Gesellschaft das hohe menschliche Alter nicht hoch geschätzt. Von zunehmendem Alter wird zunehmendes Wissen und wertvolle Erfahrung nicht erwartet.

Ob sich die stetig steigende Langlebigkeit im 21. Jahrhundert als Fluch oder Segen herausstellt, wird sich erst weisen. Das Zeitalter in dem wir leben wird sich in Richtung zu einem freundschaftlich auf Hilfeleistung orientierten Zeitalter ändern müssen, wenn das Alter auch lebenswert sein soll. Davon sind wir heute allerdings noch weit entfernt. (vgl. S. 27)  

Wenn Rosenmayr hier über alte Menschen spricht, richtet er seinen Blick auf weit über 80-jährige, die – durch gute Gesundheit – weit mehr in und an der Gesellschaft mitwirken könnten. Doch die Lust im Beruf zu bleiben hat nicht zugenommen. Im Gegenteil. Politische und wirtschaftliche Anreize oder Angebote bieten hier noch keine adäquaten Rahmen, daher nimmt auch die Singularisierung und Einsamkeit bei alten Menschen deutlich zu. Wer keine Aufgabe hat, oder keine an sich zu ziehen vermag, verliert etwas von sich selbst. (S. 32)

Aber Rosenmayr zeigt, im Gegensatz zur generellen Auffassung vom Alter als Prozess von Abbau und Verlust, ein positiveres Bild und Alternativen zur pessimistischen Sicht über das Alter auf. Er bietet Anregungen zur Neuorientierung im Alter und weist auf die Möglichkeiten in der Planung sinnvoller Ziele und der Erfahrung neuer Lebenskraft hin. In der Fähigkeit zur Selbstbestimmung liegt für Rosenmayr ein entscheidender Faktor zum Glück. Individuell selbst gewählte Aufgaben und die Integration in Gruppen spielen dabei die entscheidenden Rollen …

Was gilt es bei der Planung neuer Ziele und vor der Übernahme neuer Aufgaben zu beachten? Nicht nur die Weisheit und Erfahrung, auch die Ratlosigkeit und Ungewissheit begleiten ins hohe Alter. Eine große Portion an Selbstreflexion gilt es daher ebenso aufrecht zu erhalten, wie die Einsicht, dass manche Ziele doch nicht erreicht werden können. Der Körper erfüllt Anforderungen an ihn umso besser, je verständnisvoller diese auf seine jeweiligen Fähigkeiten abgestimmt sind. (vgl. S. 21)

Für einen Neubeginn in hohem Alter empfiehlt Rosenmayr: Offenheit. Offenheit, um zu sehen, wer man als alternder Mensch ist und sein kann, Offenheit zum Erkennen der eigenen Grenzen und auch Möglichkeiten.

Fazit: Ein Buch, das Mut macht und anregt, Neues zu erkunden.

Rezensentin:  Claudia Zülsdorff

(claudia.zuelsdorff@eb-stmk.at)


copyright LITLeopold Rosenmayr, Im Alter noch einmal LEBEN

Lit Verlag 2011 (ISBN 978.3.643-50237-7) 

Leopold Rosenmayr, geb. 1925, Prof. der Soziologie und Sozialphilosophie in Wien, Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Verfasser zahlreicher Studien in Westafrika und Südostasien, empirische Untersuchungen über Lebenslauf, Generationenbeziehungen und viele Fragen des Alterns.