Literaturtipp:

Werner Lenz: Wertvolle Bildung, Kritisch – Skeptisch – Sozial.
Löckler, Wien 2011.ISBN 978-3-85409-591-0

Gesellschaftlicher Wandel und Bildung

Die fortschreitende Ökonomisierung hat das Bildungswesen zunehmend für sich eingenommen. In diesem Kontext verblasst Weiterbildung zu Anpassung und Selbstoptimierung. Die Globalisierung, die Demographie, Migrationsbewegungen und Individualisierung – viele Faktoren der Gesellschaft befinden sich in Veränderung. Eines ist im Bildungskontext gestern wie heute zu beobachten: So wie der Mensch ist, ist er nicht genug (vgl. S. 8).

Lenz vertritt ein humaneres Verständnis von Bildung, fordert eine „wertvolle Bildung“ und tritt für Bildungsprozesse ein, die den Eigen-Sinn und Selbstbestimmung, kritisches Denken und achtsames Handeln fördern.

Das Konzept des lebenslangen Lernens vermag die Aufgaben von Weiterbildung nun deutlicher sichtbar zu machen. Werden Bildung und Lernen in der Lebensspanne beachten, rücken Kompetenzen in den Vordergrund, die für Alltag und Beruf unter den Bedingungen der aktuellen Gesellschaftssituation tatsächlich notwendig sind. Eine Balance zwischen der Befähigung zur Autonomie und wirtschaftlich normierten Anforderungen gilt es zu finden.

Das bedeutet auch, sich mit Wissen und Argumenten, mit Verstand und Gefühl für individuelle und soziale Anliegen zu engagieren. Die Eigenschaften einer zeitgemäßen Bildung sind kritisch, skeptisch und sozial.  „Skepsis gegenüber uns selbst – Respekt vor anderen“, schlägt Lenz als pädagogisches Programm vor (vgl. S. 39). Was wollen wir also erreichen? Wir wollen autonom entscheiden und sozial verantwortlich handeln.

Doch Bildung ist nicht nur einzelmotiviert, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung: Es verlassen über 10 000 Jugendliche jährlich ohne ausreichende Grundkompetenzen, wie rechnen, schreiben und lesen die Schule. Sie werden nicht adäquat an der Gesellschaft partizipieren können und: werden demzufolge den Staat enorm viel Geld kosten. Die Frage in der Bildungspolitik lautet also gar nicht „Was kostet Bildung?“, sondern „Was kostet Nicht-Bildung?“. Werte, Grundhaltungen und soziale Verantwortung in wirtschaftliche Entwicklungen integriert zu betrachten, bedeutet nicht nur für Bildung enormen Aufwind.

In globalisierten Gesellschaften verstummt die Solidarität?
Die zunehmende Angst um persönliche Ressourcen am großen Ganzen fördert Rassismus und Diskriminierung. Es gilt zu erkennen, dass Abgrenzung nicht nur Schutz gegen Außen und Fremdes bietet, sondern vor allem die Menschen innerhalb ihrer eigenen Grenzen einschließt. Es sind selbst erbaute Mauern im Kopf, die – einmal errichtet –  nicht leicht zum Fallen gebracht werden können. Aber Lenz meint: Wir können mehr! Wir können damit aufhören uns selbst Grenzen zu setzen und diese festzuschreiben. Stattdessen können wir lernen, Grenzen miteinander zu vereinbaren.

Fazit:

Ein kluges Buch, das pädagogisch Tätige an ihre Verantwortung und daran erinnert, dass jeder Umgang mit Lernenden/Studierenden immer neue pädagogische Realitäten erzeugt. Wir lernen und lehren für eine offene Zukunft.
Es ist bemerkenswert, wie leicht lesbar ünd übersichtlich große Themen und Gesellschaftskritik verpackt sein können. Klar gekennzeichnete Zwischenüberschriften teilen das Buch in kleine „Gedankenportionen“ – die ideale Lektüre für Zwischendurch.

Bildungsnetzwerk Steiermark

Claudia Zülsdorff | claudia.zuelsdorff@eb-stmk.at 


Werner Lenz, geboren 1944 in Wien, ist seit 1984 Universitätsprofessor für Bildungswissenschaft mit besonderer Berücksichtigung der Erwachsenenbildung an der Universität Graz. Seit 2007 leitet er als Dekan die neu gegründete Fakultät für Umwelt-, Regional- und Bildungswissenschaft.