Literaturtipp:

Zwei Streitschriften gegen den „Denkmalschutz“ für Österreichs Bildungssysteme
Werner Lenz, „Bildung – eine Streitschrift“  &  Markus Hengstschläger, „Die Durchschnittsfalle“


Wer zum Durchschnitt gehört, blamiert sich nicht, wer Durchschnitt als Ziel festlegt, macht es möglichst vielen recht? Durchschnitt scheint erstrebenswert, dabei ist er nur ein mathematisch-statistisches Rechenergebnis, das auf die wenigsten wirklich zutrifft. Andersartigkeit und Talent zu Gunsten eines breiten Durchschnitts zu unterdrücken, wie es aktuell der Fall ist, hält Markus Hengstschläger für fahrlässig und kritisiert die gesellschaftlich und (bildungs)politisch gesteuerte Gleichmacherei auf allen Ebenen.

Individualität wäre der Schlüssel zum Erfolg, wobei die Kraft der Individualität in der Offenheit, im Zulassen von Neuem liegt. Jeder Mensch verfügt über Talente. Unsere Gesellschaft muss sich mithilfe des Bildungssystems dem Entdecken dieser Talente verpflichten, denn wir brauchen sie dringend für unsere Zukunft, die Freaks, die Ausnahmen, die Talente. Es muss zur Norm werden, von der Norm abzuweichen. Talente entdecken lassen und Interessen fördern, in der Schule, wie auch in der Erwachsenenbildung – das verlangt Hengstschläger von einem zukunftsfähigen Bildungswesen.

Unsere Bildungssysteme sind aber selbstsüchtig – sagt Werner Lenz. Sie bereiten niemanden auf Leben und Veränderung vor, sondern sind Diener konkurrierender Arbeitsmärkte. Sie produzieren Arbeitskräfte, die sich möglichst schnell verkaufen müssen, wodurch sie dirigierbar bleiben. Ökonomische Denkmodelle bestimmen heuten alle Werte, Bildung verkommt zu Humankapital. Und anstatt die einschränkenden Strukturen zu überdenken, werden in einem Rückschritt noch rigorosere Einschränkungen diskutiert. Ist für unser Bildungswesen bereits der Denkmalschutz beantragt worden? (vgl. Lenz S. 78)

Hengstschläger und Lenz präsentieren uns zwei sehr direkte, pointierte und unterhaltsame Streitschriften. Die unterschiedlichen Herangehensweisen der Autoren an die drängenden Zukunftsfragen schließen einander nicht aus – im Gegenteil.

Beide beklagen genau jene eklatanten Mängel im Bildungswesen, die von Faktoren bestimmt werden, die im aktuellen System nicht in Zahlen messbar sind, sondern indirekt aber weitreichend wirken. So stellt Talent keine statistisch fassbare Größe dar, es ist erst der gesellschaftlich definierte – materielle – Erfolg, der sich messen und darstellen lässt. Ebenso verhält es sich mit der Solidarität, wie Lenz sie dringend fordert, auch sie ist kein bilanzierbares Wirtschaftsgut, sondern „lediglich“ Indikator für gelungene Gesellschaftsstrukturen und einen hohen Bildungsgrad. Beide Streitschriften zeigen akuten Bildungsnotstand auf und nennen Alternativen. Unsere starr auf Homogenität ausgerichteten Bildungssysteme als Durchschnittsfallen unter Denkmalschutz zu stellen, nutzt niemandem.

„die Presse“ nennt Hengstschlägers Buch: „… eine fast sokratische Diskussion …“ und auch Lenz verweist auf Sokrates, indem er einen „Sokratischen Eid“ einfordert, den Hartmut von Hentig für PädagogInnen in Anlehnung an den Hippokratischen Eid der MedizinerInnen propagiert hat. Selbstbewusst und auf das eigene Urteil vertrauend, achtsam und einfühlsam im sozialen und natürlichen Umfeld aufzutreten, wäre laut Lenz das Ziel humaner Bildung.

Welche Anforderungen die Zukunft bringt, welche Talente, welche Inhalte in Zukunft gebraucht werden, weiß heute niemand. Im lebensbegleitenden Lernen liegen unsere Chancen: Denn wenn wir heute Diversität und Besonderheit zulassen und stärken, konzentriert für Selbstbestimmung, Urteilsfähigkeit und Solidarität lehren, dann lassen sich die unzähligen Talente und Interessen entdeckten und nutzen, die in jeder Zukunft dringend gefragt sind.

Bildungsnetzwerk Steiermark

Claudia Zülsdorff | claudia.zuelsdorff@eb-stmk.at


Werner Lenz: Bildung, eine Streitschrift. Abschied vom lebenslänglichen Lernen.
Löckler, 2012.

Markus Hengstschläger: Die Durchschnittsfalle. Gene – Talente – Chancen.
ecowin, 2011.