Werner Lenz
ANGST ALS ORIENTIERUNGSFAKTOR?
Über das Verlassen und Beibehalten markierter Wege

 Der Text beruht auf einem Vortrag, den der Autor im Juni 2011 bei einer interdisziplinären Tagung zum Thema Angst an der Universität Graz gehalten hat.

Mühsame Umwege

Markierte Wege  sind vorgegebene Wege. Wer wie ich dazu neigt Vorgaben nicht unbedingt entsprechen zu wollen, sich lieber unabhängig fühlen sowie auf sich selbst vertrauend seinen eigenen Weg wählen und gehen will, schätzt Markierungen, um sie zu verlassen. Ich gebe einige Beispiele, in denen ich meine Abweichungen auch leidvoll erfahren habe.

In einer fremden Stadt sind es die vorgeschlagenen Wege für Touristen zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten, die ich nicht begehe – mit dem Risiko mich zu verlaufen, Umwege gehen zu müssen und nur mühsam zum Ausgangspunkt zurückzufinden.

Bei Wanderungen versprechen die markierten Pfade den sicheren Weg und führen verlässlich zum Ziel. Doch für mich ist es verlockend durch den Wald zu streifen, dem Verlauf eines Baches zu folgen oder eine Felsformation zu erkunden. Oft schon war es anstrengend wieder auf den Weg zu finden oder bedrohlich, weil ich vor einem Abgrund stand. Oft musste ich umkehren, weil ich mich vor undurchdringlichem Gestrüpp befand.

Schließlich ergaben sich ähnliche Erfahrungen im Laufe meiner Karriere. Ist es nicht klüger den Vorgaben der Verantwortlichen zu folgen, sich dem Mainstream angepasst zu verhalten, den üblichen Erwartungen zu entsprechen als Widerstand zu leisten, die eigene Meinung hervorzukehren und nach der eigenen Überzeugung zu handeln?

So habe ich in meinem Leben auch Angst vor meinem Eigensinn aufgebaut, Angst vor den nächsten Umwegen, auf die ich mich selbst führe und Angst vor dem Widerstand, den ich leiste und prompt soziale Konflikte auslöse. Orientiert sich mein weiteres Handeln aufgrund meiner Angst vor letztlich mühsamen Abweichungen? Sie flackert in meinem Bewusstsein wie Wetterleuchten. Aber das Gewitter ist doch in weiter Ferne – da kann ich noch einiges riskieren!

Nichts Unüberlegtes

Markierte Wege geben Sicherheit. Man fühlt sich geborgen und geschützt. Es gibt keine Angst vor unüberlegten Entscheidungen. Man lässt sich treiben, weiß sich in guten Händen – doch das ist es, in den Händen anderer!

Haben Sie Angst Unüberlegtes zu tun? „Ich habe ständig Angst, etwas Unüberlegtes zu tun. Plötzlich schießt mir etwas Unüberlegtes in den Kopf. Und schon bin ich weg.“ So klagt „Die struppige Sophie“. Botho Strauß (geb. 1944), einer der meist aufgeführten deutschen Dramatiker, beschreibt die Schwierigkeiten unserer Existenz. In seinem neuen Stück, „Das blinde Geschehen“, zeigt er am Wiener Burgtheater Menschen mit ihren Ängsten, Wünschen, Träumen, in ihren Beziehungen und ihren Vorstellungen vom Glück.

Der Autor warnt aber auch vorsichtig zu sein, wenn man umarmt wird – unserem Thema entsprechend sogar ängstlich zu sein: „Wer dich umarmt bringt dich zu Fall“. „Keine Liebe ohne Hinterlist“ ist die Botschaft. Ein Mittel gegen Angst vor dem Alleinsein ist nämlich die „Beziehung“. Viele suchen die Zweisamkeit,  „die Liebe“, weil sie nicht alleine sein wollen.

Leben (und Liebe?) ist Gehen auf dünnem Eis. Von Unsicherheit, Gefahren und Unvorhergesehenem sind wir umgeben. Schwierig ist es jemanden zu finden, auf den oder die Verlass ist. Wir alle suchen Sicherheit, um unsere Identität herzustellen. In einer haltlosen, sich rasch verändernden Welt klammern wir uns an Markierungen. Die individualistische Selbstverantwortung und der Egoismus, die uns abverlangt werden, zerstören Solidarität und Loyalität. Sie untergraben Treue und Vertrauen.

Deshalb bleibt oft die Liebe auf der Strecke. „Verdienen“ andere meine Liebe und Zuneigung? Muss ich nicht Angst haben, dass ich alles, was ich tue, um einen zu geringen Preis gebe? Unsichere Arbeitsverhältnisse, unklare Aussichten, fehlende Orientierung lassen nach sicheren Freundschaften und Bindungen suchen. Aber wo sind sie zu finden?

Der Soziologe Zygmunt Bauman (geb. 1925) geht in seinem Buch „Wir Lebenskünstler“ auf unsere Angst vor und in Beziehungen ein. Er meint zur Angst den Partner zu verlieren, kommt heute die Angst, „…ihn womöglich nicht rechtzeitig wieder loszuwerden, wenn wir ihn nicht mehr gebrauchen können – oder, noch schlimmer, selbst der zu sein, der der Entschlossenheit des anderen ohnmächtig gegenübersteht und sich sagen lassen muss: ‚Ich brauche mehr Freiraum für mich.‘ Das ‚Netz‘ unserer Beziehungen, dessen Knoten unablässig neu geknüpft und gelöst und geknüpft werden müssen, ist heutzutage von den entsetzlichsten Ambivalenzen und Ungewissheiten umgeben. Wir Lebenskünstler haben eine Vielzahl von Fäden in der Hand, deren Gewirr sinnvoll zu ordnen uns mehr Probleme macht, als sie uns Halt geben können.“ (Bauman, 2010, S. 204f.).

Die Angst verlassen zu werden, kennen wir von uns selbst. Wir erkennen sie leichter und besser im Beziehungsleben uns bekannter Paare, wo wir uns manchmal fragen, warum sie sich nicht trennen. Wir wundern uns, was Menschen auf sich nehmen, um eine gewohnte Sicherheit nicht aufs Spiel zu setzen.

Verlassen und allein

Im Theaterstück von Botho Strauß findet sich das Thema in einer eigenen Szene: „Das dunkle Zimmer“: „Verlass mich nicht“ und „Bitte verlass mich nicht“, bettelt die Frau vier Mal, aber der Mann geht nicht auf sie ein, bleibt in seinem Redefluss, bis sich die Frau mit ihrer Angst Aufmerksamkeit verschafft:

„Jeden Tag bekomm ich’s mit der Angst, wenn du auf mich zugehst, ich zittere in der Erwartung, dass du es jetzt sagen wirst. Ich habe den Ton schon im Ohr, bevor du es sagst. ‚Hast du einen Moment Zeit? Ich muss etwas mit dir besprechen…‘ ‚Wenn du gehst…‘, springt es mir wie von selbst aus dem Mund. ‚Warum sollte ich gehen?‘ erwiderst du. Aber der Ton stimmt nicht. Du hältst etwas zurück. Das spüre ich, das weiß ich. Ich höre ja gut. Es lässt sich auch gar nicht überhören: alle deine Worte laufen seit Wochen auf ein letztes hinaus. Ein Abschiedswort.“

Aber was bringt Angst? Wird sie überhaupt von Partner oder Partnerin wahrgenommen? In dieser Theaterszene reagiert der Mann kalt – oder besser cool, nicht einfühlsam, nicht empathisch. Er sagt: „Glaub mir bitte: Du musst dich nicht vor Abschiedsworten fürchten. Es wird sie niemals geben. Selbst wenn ich ginge, werde ich eines Tages einfach gegangen sein.“

„Hast du es dir genau überlegt?“
„Wozu noch überlegen?“           
Das halte ich für eine gute Momentaufnahme unserer Beziehungen in der Gegenwart, in der sich Paare mit SMS Botschaften trennen, über Internet oder im Speed-Dating kennenlernen und wieder verabschieden.

Eine Beziehungsbeschleunigung ist eingetreten. Angst regiert – sei es vor einer Bindung oder vor einer – im doppelten Sinne des Wortes – nicht kalkulierten „Entbindung“.

Unmögliche Beziehungen 

Beziehungen und die damit verbundenen Ängste vor der Demütigung, verlassen zu werden, allein zu sein, nicht auf den gesellschaftlich markierten Wegen sich bewegen zu dürfen, werden noch in zwei anderen Aufführungen angesprochen, die in der Saison 2010/2011 auf dem Spielplan Wiener Bühnen standen.

Die eine ist der „Stallerhof“ von Franz Xaver Kroetz (geb. 1946). Thema ist eine nicht auf gesellschaftlich akzeptierten Wegen vor sich gehende Beziehung zwischen einem alternden Stallknecht und der noch zu jungen, geistig etwas weniger entwickelten Tochter des bäuerlichen Ehepaars. Die beiden Außenseiter finden zueinander. Der Knecht wird vom Hof gejagt, sein Hund vergiftet. Die junge Frau folgt dem Mann mit dem gemeinsamen Kind. Sie finden kein lang andauerndes Glück in einer Stadtwohnung. Als der Knecht im Spital stirbt, lässt die junge Mutter auch das Kind sterben.

Das andere Stück, ebenfalls im Kasino aufgeführt, stammt von Neil LaBute (geb. 1963): „Lieber schön“. Eine abfällige, abwertende Bemerkung ihres Partners, hinterbracht von der besten Freundin, über das Aussehen der Partnerin, zerstört für diese die Basis des Zusammenseins. Für mich drückt sich mit dieser Angst nicht akzeptiert zu werden, mit der Angst in den Augen des Partners einem bestimmten Schönheitsideal nicht zu entsprechen, ein aktuelles Problem aus: Das isolierte, auf sich selbst konzentrierte – zurückgeworfene – Individuum hat nicht genug Ich-Stärke. Es sucht die Anerkennung der anderen. Der Spiegel reicht nicht aus. Er beruhigt allenfalls die Angst nicht zu entsprechen. Bestätigung wird im verbalen und nonverbalen Verhalten der anderen gesucht. Die Angst ist real und dauernd vorhanden. Sie will durch Worte und Taten ständig beruhigt werden.

Noch ein literarischer Umweg – und Sie erkennen und erleiden vielleicht mein Problem, das ich mit meinem Titel andeute. Längst habe ich die markierten Wege meiner wissenschaftlichen Disziplin verlassen, wenn ich sie überhaupt betreten hatte und nur die Angst mich völlig zu verirren, lässt mich nach Orientierung in der Thematik, nach markierten Wegen suchen.

Zu viele Erwartungen

Der Umweg führt zu Wilhelm Genazino (geb. 1943) und zu seinem Buch „Das Glück in glücksfernen Zeiten“. Die Hauptfigur, Gerhard Warlich, als absolvierter Philosoph im mittleren Management einer Wäscherei tätig, fühlt sich überfordert die Erwartungen seiner Partnerin inklusive Kinderwunsch zu erfüllen. Er kann nichts mit ihrem Streben nach Erfolg, sie ist leitende Bankangestellte, anfangen. Er fühlt sich nicht stark genug, interpretiere ich, die markierten Wege zu gehen. Er verweigert auch andere relativ selbstverständliche Anforderungen – zu seinem eigenen Schutz vermittelt ihn seine Partnerin in ein Sanatorium. Dort fühlt er sich wohl, dort hat er endlich Zeit für sich selbst.

Die Brücke zu meiner Fachdisziplin finde ich in diesem Buch in zweierlei Weise: Pädagoginnen und Pädagogen setzen Kinder und Erwachsene in Lern- und Bildungsprozessen normierten Erwartungen aus. Wie sehr achten sie auf die Eigeninteressen und die individuellen Fähigkeiten der Lernenden? Wie sehr drängen die Lehrenden durch normierte Leistungsbeurteilung, durch Noten, die Einhaltung vorgegebener Standards zu erfüllen? Wenn die markierten Wege nicht eingehalten und die Lernziele nicht erreicht werden, muss man Angst haben, aus unserem selektiven Bildungssystem ausgeschlossen zu werden. Davon abgesehen belastet es Kinder genug, den Erwartungen ihrer Eltern hinsichtlich Schulerfolg und Studium zu entsprechen. Zu wissen, es zumindest den Eltern mit deren Bildungsabschluss gleichtun zu müssen, löst Ängste aus!

Soziale Besänftigung

Um den ständigen Erwartungen zu entgehen, um sich nicht unter Druck und in Angst versetzen lassen, lesen wir im Buch von Genazino  auch interessante Vorschläge: Einer lautet, in der zweiten Hälfte des Tages nichts zu tun. „Ich sitze entspannt im Auto und habe doch das Gefühl, einen harten Arbeitstag schon hinter mir zu haben. Wieder entdecke ich, dass die Menschen (ich) nur für die erste Hälfte des Tages genug Kraft haben. Wenn ich könnte, würde ich das Projekt ‚Halbtags leben‘ erfinden. Jeder Mensch sollte das Recht haben, sich in der zweiten Hälfte des Tages von der ersten zu erholen.“ (Genazino, 2009, S. 58f.).

Als empfindsame Menschen sollten wir, meint der Autor, auf der Suche nach zarterem Leben sein. Der Protagonist des Romans weiß den bildungsorientierten Ausweg. Er will eine „Schule der Besänftigung“ gründen. In dieser Abendschule soll endlich das gelehrt werden, was viele Menschen wissen wollen: die Suche nach einem zarteren Leben ist das Thema der „Schule der Besänftigung“. Eine Schule ohne Angst?

Zu dieser literarischen Überlegung passt eine sozialwissenschaftliche. Sie stammt von Theodor W. Adorno (1903-1969). In einer seiner Radioreden, „Erziehung nach Auschwitz“ (gesendet 1966), beklagt er die Kälte, die in der Erziehung vermittelt wird. Eine Kälte, die tief im Innern sitzt und gleichgültig gegenüber dem Schicksal anderer macht. Fasziniert zu sein von Apparaturen und Technik sei, so Adorno, ein Trend unserer gesamten Zivilisation. Wir leben in einer Zivilisation der Kälte, in der wir den eigenen Vorteil vor allem anderen wahrnehmen und alles tun, um ihn nicht zu gefärden. Unfähig zur Identifikation fühlt sich jeder „… zu wenig geliebt, weil jeder zu wenig lieben kann.“ (Adorno, 1971, S. 101). In der rationalen Aufklärung über individuelle Lebensbedingungen und über gesellschaftliche Machtverhältnisse sieht der Philosoph und Sozialwissenschaftler gewisse Chancen den Charakter unserer Zivilisation zu ändern. Er meint: „Wenn irgend etwas helfen kann gegen Kälte als Bedingung des Unheils, dann die Einsicht in ihre eigenen Bedingungen und der Versuch, vorwegenehmend im individuellen Bereich diesen ihren Bedingungen entgegen zu arbeiten.“ (Ebd., S. 102).

Mehr als vierzig Jahre nach dem Tod des sozialen Mahners, leben wir in einem Europa und in einer Welt, in der der Ausdruck „soziale Kälte“ geläufig und selbstverständlich geworden ist. Schule, Universität und Erwachsenenbildung scheinen in den gesellschaftlich akzeptierten Trend der „Kälte“ eingebettet, ihm unterworfen oder ignorieren ihn – anstatt über ihn aufzuklären oder sich gegen ihn zu stellen. Wir lernen viel, aber was lernen wir schon über uns selbst? Was lernen wir über soziale Ängste?

Bildung im Wettbewerb  

Bildung ist zu einem gesellschaftlich wichtigen Thema geworden. Bildung ist nicht nur individuelles sondern auch öffentliches Gut. Wer nicht ein gewisses Bildungsniveau erreicht – im Sinne von Schul- und Hochschulabschluss – muss Angst haben, sozialen Misserfolg zu erleiden. Eine Gesellschaft, die das Bildungsniveau ihrer Bevölkerung vernachlässigt, verliert im ökonomischen Wettkampf wichtiges Terrain. Wobei wir es mit ökonomischen Verhältnissen zu tun haben, die Angst um Arbeitsplätze verbreiten.

Das Thema Angst findet sich wohl am häufigsten in Verbindung mit Prüfung. In Schule und Hochschule kann man „auf Herz und Nieren geprüft“, „hinausgeprüft“ oder einer „knock-out Prüfung“ unterzogen werden. Das sind Ausdrücke eines selektiven Bildungssystems, das Prüfung als Mittel der Disziplinierung und Regulierung einsetzt und den Angstschweiß fließen lässt. Hierbei sprießen allerdings auch alle Formen des Schwindelns und des Widerstands.

Eine Pädagogik, die auf Selbstverantwortung der Lernenden zielt, versucht positive Beziehungen zwischen Lernenden und Lehrenden herzustellen: geprüft wird, was die Lernenden wissen, nicht das, was sie nicht wissen. Antiquiert erscheint auch, wenn sich Prüfungsergebnisse nur auf eine Note reduzieren. Der mögliche Misserfolg ängstigt. Die moderne Prüfungsforschung geht von einem formativen Assessment aus, das auch im Unterricht in bestimmten Merkmalen zur Geltung kommt: indem Ziele und Erfolgskriterien angegeben, anspruchsvolle Fragen und Aufgaben gestellt sowie der Bewertung durch Mitlernende aber auch der Selbstbewertung Raum gegeben werden. 

An die Stelle der selektierenden Prüfung tritt die Kultur der „kommunikativen Rückmeldung“. Selbstbeurteilung und Gespräche über die jeweilige Leistung erhalten mehr Bedeutung.

Keine Fehler

Dies berührt noch ein weiteres gesellschaftliches und pädagogisches Thema: die Angst vor Fehlern. Ohne sie zu leben ist unmöglich – im Anerkennen der zunehmenden Komplexität unseres Alltags und unserer Arbeitswelt scheint sich ein lockerer, ja sogar kreativer Umgang mit Fehlern durchzusetzen. In seinem Buch, „Die Kunst, Fehler zu machen“, beschreibt Manfred Osten, langjähriger Generalsekretär der Alexander von Humboldt-Stiftung, dass das Fehlverhalten von Menschen bereits von Goethe gegenüber Wilhelm von Humboldt als Merkmal der Moderne genannt wurde (vgl. Osten, 2006, S. 15).

Im Bildungswesen denken wir nur sehr langsam um. Die Fehler bei anderen zu entdecken scheint das Selbstverständnis der meisten Lehrenden bestimmt. Dabei stehen wir vor neuen Aufgaben. Lernen und damit einhergehende Bildungsprozesse sollen für auf sich selbst vertrauende und mit anderen in kommunikative Beziehung tretende Menschen ausgerichtet sein. In Schule und Hochschule sollen sich junge Menschen, deren Herausforderungen durch eine offene Zukunft uns viel zu wenig bekannt sind, bilden. Das Selbstvertrauen von Kindern und Jugendlichen zu stärken ist meines Erachtens wichtigstes Element aller Pädagogik – sowie deren Fähigkeit zu fördern, Entscheidungen zu planen und die Folgen in individueller und sozialer Hinsicht abzuschätzen. Entscheiden lernen, so übernehme ich eine Aussage des Soziologen Niklas Luhmann (1927-1998), ist ein wichtiges pädagogisches Ziel. Angst ist kein guter Ratgeber.

Moderne Ängste

Eine offenere Fehlerkultur einzuführen und die Fähigkeit für Entscheidungen zu stärken, ergeben sich als Konsequenzen der Moderne, in der den Menschen individuelle Verantwortung für ihr Geschick und ihre Geschichte zugesprochen wird.

Allerdings sehen sich die Menschen mit dem wachsenden Verständnis von der Welt, die sie umgibt, auch größeren potentiellen Gefahren ausgesetzt. Die Angst vor dem Weltuntergang und besonders vor dem Untergang des Abendlandes (vgl. Henschel, 2010) wurde inzwischen von der Angst des ökologisch verursachten Weltuntergangs abgelöst. Alex Reichmuth, Journalist des Magazins „Die Weltwoche“ in der Schweiz, hat in einer kleinen Schrift Ökoszenarien hinterfragt (2010, S. 2 f.): „Angst ist in ökologischen Fragen zu einem zentralen Faktor geworden. Sie ist einfach zu erzeugen, aber schwer zu zerstreuen. Endzeitpropheten nutzen Angst, um Entscheidungen in ihrem Sinn zu erzwingen. Dabei gehen sie nach dem immer gleichen Schema vor.“

Zunächst werde, analysiert der Journalist, ein ökologisches Problem wie z.B. „das Waldsterben“ zur Existenzfrage der Menschheit erklärt. Mit Superlativen werden Zweifel abgewehrt, eine Wendezeit werde beschworen sowie allen Zweiflern und Kritikern unlautere Motive unterstellt. Sollte die prophezeite Apokalypse doch nicht eintreffen, werde sie einfach auf später verschoben. Somit bleibt das Szenario des Untergangs bestehen und die Bedrohung, die Ängstigung der Menschen erhalten. Aber gibt nicht letztlich ein Vorfall wie im Atomkraftwerk Fukushima berechtigt Nahrung für Angst vor dem Untergang?

Fehler und Scheitern  

Die Themen „Fehler“ und „Scheitern“ treten in letzter Zeit stärker in den Vordergrund: in populärwissenschaftlichen Diskussionen, in Fachbüchern, in den Aufgaben des Managements und in wissenschaftlichen Untersuchungen. Das ist verständlich. Aufgrund zunehmender Komplexität unserer Gesellschaft und unserer Arbeitsaufgaben, mit der Vergrößerung unseres sozialen Horizonts durch die Globalisierung, mit den intensivierten Erwartungen an unsere Verantwortung und Entscheidungen ergeben sich mehr individuelle Fehler und individuelles Scheitern.

Angst vor Misserfolg ist heute deutlich erkennbar ein Grund, warum Menschen nicht in Positionen mit Verantwortung gehen wollen. Absicht ist – auch im Team – Anteil am Erfolg zu gewinnen und unberührt von Misserfolg zu bleiben. Die Kunst des Delegierens besteht darin, Machtpositionen ohne die negativen Folgen der Verantwortung für gescheiterte Projekte auszufüllen.

Als Reaktion entstehen Meinungen und Schriften, die die Angst vor Fehlern und Misserfolgen kurieren wollen, indem sie deren positive Wirkungen hervorheben. Annette Schäfer (2011, S. 21ff.) fasst zusammen, dass Irrtümer Bestandteile kognitiver Erkenntnisfähigkeit sind – eine Voraussetzung, um zu lernen und um sich zu verändern. Fehler, Irrtümer, Misserfolge sollen nicht ängstigen, denn sie fördern Empathie, Kreativität, Humor und Mut. Meines Erachtens aber nur, wenn man Fehler als Teil unseres Handelns akzeptiert und thematisiert. Fehler, so kann man in diesem Artikel weiterlesen, versammeln „negatives Wissen“ und zeigen, „was nicht geht“. Gefühle wie Angst, Scham, Betroffenheit, Verwirrung stellen sicher, dass die Erfahrung etwas falsch gemacht zu haben, wie eine „Narbe der Erinnerung“ bleibt.

Wenn allerdings, so meine Einsicht, Kinder oder Erwachsene für ihre Fehler beschämt und bloßgestellt werden, tritt anstelle dieser positiven Aspekte eine negative Reaktion auf: Es erfolgen individueller Rückzug, Scheu und Ablehnung, um nicht erneut in gleiche Situationen zu kommen.

„Angst macht krumm“ (1990) hat der Schweizer Lehrer und Autor Jürg Jegge (geb. 1943) seine Sammlung von Briefen und Erfahrungsberichten genannt. Sie bieten Einblick in die Lebensgeschichte von Menschen, die durch Erziehung in Familie und Schule, in Kindergarten, Heim oder Beruf zu teilweise geschädigten Mitgliedern unserer Gesellschaft heranwuchsen. Jegge meint, trotz wohlklingender pädagogischer Definitionen sei die Realität anders. In dieser geht es schmerzhaft um „das Zahnrädchen-Werden“. Er schreibt (ebd., S. 24): „Die Zahnrädchen müssen zuerst gefräst und geschliffen werden, damit sie in die Lücke passen, damit sie dort richtig drehen. Diesen Vorgang nennt man in der aktiven Form Erziehung, in der leidenden Form Erwachsenwerden.“

Angst verlernen   

Es macht wenig Sinn den pädagogischen Zeigefinger zu erheben und zu empfehlen oder zu raten, wie Ängste zu überwinden sind. Wir leben in Beziehungen und mit ständigen Veränderungen. Wir werden gestaltet und wir gestalten. Den Prozess des „Ich-Seins“ unterstützt Freiheit – nicht die „Angst vor der Freiheit“, wie sie Erich Fromm (1900-1980) beschrieben hat.

Selbstbewusstsein und Mitgefühl sowie ein Maß an Respektlosigkeit fördern unsere Ich-Stärke. Ausreichend Gelassenheit, um nicht auf die Sorge um uns selbst zu vergessen, ist eine wichtige Zutat. Wo das alles zu erlernen ist? Keine Angst – gerade wir als Eltern, ErzieherInnen, LehrerInnen und HochschullehrerInnen können durch Beispiel und Vorbild dazu beitragen.


Literatur
Adorno, Theodor W.: Erziehung nach Auschwitz (1966). In: Ders.: Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959-1969. Frankfurt am Main 1971.
Bauman, Zygmunt: Wir Lebenskünstler. Frankfurt am Main 2010.
Fromm, Erich: Die Furcht vor der Freiheit. München 1993 (1941).
Genazino, Wilhelm: Das Glück in glücksfernen Zeiten. München 2009.
Henschel, Gerhard: Menetekel: 3000 Jahre Untergang des Abendlandes. Frankfurt am Main 2010.
Jegge, Jürgen: Angst macht krumm. Bern 1990.
Osten, Manfred: Die Kunst, Fehler zu machen. Frankfurt am Main 2006.
Reichmuth, Alex: Immer wieder WELT-UNTERGANG. Ökoszenarien hinterfragt. Münster 2010.
Schäfer, Annette: Das war ein Fehler! Na und? In: Psychologie heute, März 2011, S. 21-25.
Strauß, Botho: Das blinde Geschehen. Textbuch des Wiener Burgtheaters. Wien 2011.


Werner Lenz, geboren 1944 in Wien, ist seit 1984 Universitätsprofessor für Bildungswissenschaft mit besonderer Berücksichtigung der Erwachsenenbildung an der Universität Graz. Seit 2007 leitet er als Dekan die neu gegründete Fakultät für Umwelt-, Regional- und Bildungswissenschaft.